Sehen
aufgegabelt & großes Fragezeichen
Ich hatte sie irgendwo aufgegabelt,
in einer Bar, die nach abgestandenem Bier
und billigem Parfüm roch.
Sie trug ein Kleid, das mehr zeigte als verbarg,
lachte zu laut
und trank den Rotwein, als wäre er Wasser.
Irgendwann standen wir draußen,
teilten uns die Flasche bis zum letzten Tropfen,
und sie sagte einfach:
„Komm mit.“
Kein Name, keine Fragen.
Ich folgte ihr,
weil es einfacher war, als allein nach Hause zu gehen.
In ihrer Wohnung war es dunkel,
nur eine kleine Lampe warf gelbliches Licht
auf ein ungemachtes Bett.
Sie zog mich aus, als wäre das selbstverständlich,
und ich ließ es geschehen.
Irgendwann lag sie auf dem Bauch,
das Gesicht zur Seite gedreht,
die Augen halb geschlossen.
Ich war hinter ihr,
langsam, mechanisch fast,
weil man das eben so macht.
Es fühlte sich an wie immer.
Nicht schlecht.
Nicht besonders gut.
Dann ihre Hand.
Ohne Vorwarnung.
Ein Finger, glitschig vom Gleitgel,
das sie offenbar immer parat hatte,
drang in mich ein.
Kein Zögern.
Kein „Darf ich?“.
Einfach rein.
Und traf genau diese Stelle,
von der ich nie zugegeben hätte, dass sie existiert.
Mein Körper explodierte.
Nicht metaphorisch.
Ein richtiger, tiefer, fast schmerzhafter Orgasmus,
der mich durchschüttelte wie ein Stromschlag.
Ich kam so hart,
dass ich für einen Moment dachte,
ich verliere das Bewusstsein.
Sie lachte leise, zufrieden,
drehte sich um
und küsste mich,
als hätte sie gerade einen Punkt gemacht.
Ich lag danach da,
starrte an die Decke
und fühlte mich… entblößt.
Nicht nur körperlich.
Sondern als hätte sie etwas gesehen,
das ich selbst nie wirklich angeschaut hatte.
Etwas, das ich immer weggeschoben hatte
mit einem schnellen
„Ich bin nicht schwul“
oder „Das ist nur, wenn ich betrunken bin“
oder „Das war nur dieses eine Mal vor zehn Jahren“.
Sie schlief ein,
ein Arm über meiner Brust.
Ich lag wach
und spürte noch immer diesen Nachhall in mir,
dieses warme, schwere Pulsieren.
Und fragte mich leise:
Was sagt das jetzt über mich aus?
Dass ich es geil fand?
Dass ich es wieder wollen würde?
Dass ich mich gerade von einer Frau habe nehmen lassen –
und es mir besser gefallen hat
als alles, was ich je mit einer anderen gemacht habe?
Oder dass ich genau deswegen jetzt Panik kriege?
Am Morgen trank sie Kaffee,
nackt, selbstbewusst,
und grinste mich an.
„War doch geil, oder?“
Ich nickte.
Lachte sogar.
Aber innerlich zog sich alles zusammen.
Ich zog mich an,
murmelte etwas von „muss los“,
küsste sie flüchtig auf die Wange
und ging.
Draußen war es schon hell.
Ich lief durch die Straßen
und wusste nicht,
ob ich mich gerade befreit hatte –
oder ob ich gerade vor etwas weggelaufen bin,
das ich vielleicht nie wieder finden werde.
Und ob ich das eigentlich bedauere.
Oder erleichtert bin.
Ich weiß es immer noch nicht.