Sehen
Aus einer Zeit in der noch alles möglich war
Meine Tante Änne hat mir
dringend geraten einen Beruf
aufzugreifen.
Tja, und da kam
das große Nachdenken bei mir.
Ich war ja nicht strikt dagegen,
schon allein weil ich Tante Ännes
Erbe mal antreten werde
und ich mit ihren Launen
bestens vertraut bin.
Also, daß da mal nix anbrennt –,
hab ich mich besonnen
und hab nachgedacht:
Die meisten der mir bekannten Berufe
kommen für mich eh nicht in Frage.
Viel zu öde, zu spießig,
zu arbeitsintensiv –
einfach zu viel Plackerei.
Vom Verdienst gar nicht erst zu sprechen.
Und dann diese lange lange Lehrzeit…
Nee, da gibt´s doch wohl noch was anderes
als das Herkömmliche.
Mal überlegen.
Und dann machte ich mir eine Liste,
von den Berufen –
und bei manchen kann man sogar sagen Berufungen, ja!
Nach einer viertel Stunde schon
hatte ich keinen Bock mehr
die Liste weiterzuführen.
Ich ließ also stehen was ich aufgeschrieben hatte
und wägte ab.
Hm, Influenzer –, hab ich oft von gehört,
wenn man darin gut ist,
kriegste zigtausend Likes oder Klicks
und kannst richtig Kohle mit machen.
Aber hab ich da Ahnung von?
Nee.
Also gestrichen.
Nächster: Porno-Star.
Hm… nee, zu viel Action.
Nächster: Broker.
Hm, ist sowas mit Finanzen,
kann man auch viel Kohle machen,
aber verdammt öde das.
Nee.
Gestrichen.
Nächster: Großgrundbesitzer.
Schon besser, aber echt jetzt –
zu viel Action.
Was man da alles machen muß…
Außerdem wird Tante Änne sagen,
daß das kein richtiger Beruf ist.
Also nee.
Gestrichen.
Nächster: wie wär´s eigentlich mit einem religiösen Beruf?
So Apostel, oder Evangelist, oder Prophet?
Also als Evangelist könnte ich mich gut vorstellen.
Neben den vier schon vorhandenen,
einen fünften, mich.
Why not?
Ich würde da schon so einige neue Evangelien aufstellen.
Oder Prophet?
Muß man da was prophezeien?
Liegt mir weniger.
Und Apostel?
Nee, dann wäre ich ja der Dreizehnte.
Bringt wohl kein Glück.
Aber was ist mit Märtyrer?
Der heilige…
Oh nee, lieber doch nicht,
das tut am Ende feste weh,
beim Märtyrertod,
auch wenn man dann in die Geschichte eingeht.
Und Mystiker?
So mit Kutte und so.
Ist das noch ein religiöser Beruf?
Oder eher doch profan wie Schamane, oder Alchimist.
Ja, Alchimist!
Gold machen und so.
Das wäre doch genau das Richtige!
Schamane gar nicht.
Doch wenn ich mich da so reindenke –
ob Mysiker, Schamane oder Alchimist…
echt altmodisch.
– Da muß doch noch was modernes geben,
was mich richtig antörnt.
Ja, IT-Boy!
Also ich habe schon oft von IT-Girls gehört,
die haben steile Karriere gemacht,
haben sich hochgeschlafen und so.
Also warum kann ich das nicht ebenso.
Ich würde mich auch bereit erklären
mich bei mächtigen attraktiven Chefinnen,
bei reichen, und meinetwegen auch älteren Produzentinnen
hochzuschlafen.
Oder doch nicht?
Script-Boy?
Gibt es sowas?
Also wenn´s ein Script-Girl gibt,
dann gibt´s sicher auch ein Script-Boy.
Aber keine Ahnung was die machen.
Und man ist sicher auch nur so ne kleine Nummer.
Nee.
Gestrichen.
Alles gestrichen!
Was bleibt?
Ich habe noch – eins, zwei, drei –
VIER Stück auf der Liste.
Asozialarbeiter.
Ja ich weiß, es gibt eigentlich nur Sozialarbeiter –
und Sozialarbeiter-Innen (mit Sternchen und so).
Aber sind die nicht alle Asozial?
Kann man doch dann gleich sagen Asozialarbeiter.
Aber nee.
Mit was für asozialen Kolleginnen hätte ich da zu tun?
Nee, besser nicht.
Der zweite: Henker.
Könnte Spaß machen wenn man Arschlöcher hinrichtet.
Aber das garantiert einem keiner.
Also auch nicht.
Gestrichen.
Bleiben noch zwei: Clan-Chef.
Das ist doch mal richtig gut.
Du bist der Boss
und alles hört auf dein Kommando,
alles muß nach deiner Pfeife tanzen
und die Reinerlöse gehen zum größten Teil allein in deine Kasse.
Perfekt.
Oder?
Aber auch viel Action.
Befehle erteilen, rumbrüllen, einschüchtern und so.
Nee.
Gestrichen.
Bliebe also nur noch einer: Deflorateur.
Hab ich mal so gehört.
Das muß ja echt cool sein.
Da hat man nur mit jungen Frauen zu tun,
sogenannten Jung-frauen, hab ich gehört.
Und das sei so ein toller Job,
daß es den Deflorateuren gar nicht so
auf die Verdienst- und Aufstiegsmöglichkeiten ankommt.
Den nehm ich.
Mal sehen was Tante Änne sagt.