Sehen
Bauch an Bauch
Die Welt kreist um uns
in lauten Tönen
aus Trompeten
und Saxophonen
Tubas und Klarinetten
Trommelwirbeln
Die Welt ist geordnet
in grün-weiße Uniformen
und aufgereihte Stühle
spielende Finger
die wissen was sie tun
Die Welt im Zelt
bei der Kirmes in unserem Dorf
wird gebändigt
von Traditionen
und Bier, das beruhigt
wenn aufgespielt wird
sitzen alle an ihren Tischen
und schunkeln vor gegrillten Steaks
Die Welt über dem Zelt
ist so endlos und leer
die Sonne kann sie nicht festnageln
sie breitet sich aus in einen weiten Raum
nur draußen die kleinen Holzpferde auf Eisenstangen
die sich auf und ab bewegen
sind eine Beruhigung
sie tingeln zu altmodischer Musik im Kreis
Die Welt vor dem Zelt
ist grausam
die Menschen
machen Witze
auf meine Kosten
sie lachen wenn mir zum Weinen ist
sie machen mir Angst
ich traue ihnen nicht
wenn ich mich umdrehe
stoßen sie mir Messer in den Rücken
Die Welt findet mich hässlich
sie mag meine hellblaue Hose nicht
in der ich so seltsam stecke
und die von meiner Mama genähten Kleidern
das senffarbene mit den beigen Streifen
die Frisur
das selbst geschnittene Pony
meine zu kleinen Augen
mein schüchternes Lächeln
meine Unfertigkeit
Die Welt im Zelt riecht nach Bier
und Feuchtigkeit
sie verspricht so viel
doch wie will sie es halten
sie ist voller Augen und Ansinnen
die ich nicht verstehe
voller Grinsen
und Magst du ein Bier?
und danach verschwimmt das Zeltdach
und ich plappere sinnlos
im Rampenlicht der Fremden
Die Welt im Zelt
wirft mich hin und her
ich weiß nichts mit mir anzufangen
dort hinten sitzen meine Eltern
und amüsieren sich
und haben keine Angst vor Messern im Rücken
die Rothaarige aus der Nachbarschaft
schüchtert sie nicht ein
oder der Fette aus dem Dorfgasthof
der Kuhgeruch des Knechts
das schrille Lachen
der Lippenstift-Münder
das schmierige Sabbern der Raucher
Die Welt im Zelt
ist zu groß und zu bevölkert
und zu laut und zu gemein
ich bin zu klein
da fordert mein Vater mich auf
zum Tanz
ich bin 13
wir bewegen uns Bauch an Bauch
hüpfend und schwabbelnd und warm
und er lacht
und ich finde es ein bisschen peinlich
weil so schön
ich spüre den Holzboden unter meinen Füßen
die Tanzfläche
die Noten der Bläser
auf meiner Haut
während wir uns drehen
und seine Hitze und Fröhlichkeit
schützen mich
vor der Welt