Sehen

Beethoven hatte kein Tinnitus

Charles Haiku

Der Ton begann vor drei
Jahren, ein leises Summen,
das sich in sein Ohr
fraß wie ein unsichtbarer
Parasit.
Zuerst dachte er, es
käme von der alten
Heizung in der Schule,
oder vielleicht von den
Neonröhren im Klassenzimmer.
Aber es folgte ihm
nach Hause, in die
Stille des Abends, in
die Dunkelheit der Nächte.
Er, der Musiklehrer,
der einst Symphonien dirigierte
und Schülern die Nuancen
von Noten beibrachte,
lernte nun, mit diesem
unerbittlichen Begleiter zu leben.

„Es ist Tinnitus“, hatte
der Arzt gesagt, mit jener
sachlichen Gelassenheit, die
Patienten entmutigt.
„Viele haben das. Lernen
Sie, es zu ignorieren.“
Am Anfang kämpfte er.
Er besuchte Spezialisten, die
ihm Maskengeräte empfahlen –
Geräusche, die das Summen
übertönen sollten.
Er probierte Meditation, Akupunktur,
sogar eine Diät ohne Koffein.
Die Rechnungen stapelten sich,
die Hoffnung schwand.
Seine Frau, immer die Pragmatikerin,
hielt seine Hand bei den
Terminen.
„Du musst es annehmen“,
flüsterte sie.
„Vielleicht macht es dich stärker.“
Er nickte, aber innerlich
brodelte es.
Stärker?
Er fühlte sich schwächer,
als je.

Die Schüler, die früher seine
Leidenschaft weckten, wurden zur Last.
Ihr Lachen hallte zu laut,
ihre falschen Töne schnitten
durch seinen Kopf wie Glassplitter.
Er schnauzte sie an,
bereute es sofort,
zog sich zurück.
Nachts lag er wach,
starrte an die Decke.
Das Summen schwoll an,
ein Chor aus Rauschen
und Pfeifen, der keinen
Takt kannte.
Er dachte an die großen
Komponisten, die taub geworden
waren und doch schufen.
Sein Bruder schickte ihm
Biografien: „Schau, der hat
es geschafft.“
Er las sie,
lachte hohl.
Er war kein Genie,
nur ein Lehrer in einer Kleinstadt,
dessen größte Errungenschaft ein
Schulkonzert war.

Die Musik, die ihn einst
erfüllte, wurde zur Folter.
Klavierstücke klangen verzerrt,
als ob das Summen sie verhöhnte.
Er mied Konzerte,
sagte Einladungen ab.
Freunde drifteten davon,
seine Frau seufzte öfter.
Die Therapie half ein wenig –
er lernte Techniken, das Geräusch
in den Hintergrund zu drängen.
Aber es war da,
immer da.
An manchen Tagen akzeptierte er es,
sah es als Teil von sich.
An anderen verfluchte er das Schicksal.
„Warum ich?“, murmelte er
in die Stille.
Keine Antwort, nur das Summen.

Eines Abends setzte er sich
ans Klavier.
Die Tasten glänzten im Lampenlicht.
Er legte die Finger auf,
zögerte.
Das Rauschen lauerte, bereit,
jede Note zu verzerren.
Er spielte nicht.
Stattdessen saß er da,
lauschte dem inneren Lärm.
Kein Triumph, keine Erleuchtung.
Nur er, kleiner geworden,
aber noch da.
Das Summen fuhr fort,
und er wartete nicht mehr
auf Wunder.
Er war einfach nur noch.

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