Sehen

Begründung siehe oben

Luiz Goldberg

Marlene sitzt am Küchentisch.
Sie kommt gerade vom Briefkasten.
War Post drin.
Von der Rentenversicherung.
Der Bescheid liegt aufgeschlagen vor ihr.
Die Buchstaben tanzen vor ihren Augen.
Sie hat alles richtig gemacht,
jahrzehntelang, Monat für Monat,
brav eingezahlt,
ohne je zu murren.
Jetzt liest sie Sätze,
die klingen wie höfliche Absagen
an ein ganzes Leben.
Man hat ihr Zeiten gestrichen.
Nicht viel, sagen die Formulierungen.
Es sind nur ein paar Tage hier,
ein paar Wochen dort.
Aber Kleinvieh macht auch Mist.
Es summiert sich.
Es summiert sich zu einer Lücke,
die sie spürt.
Das Kleingedruckte ist die eigentliche Sprache
des Systems.
Darin steht nie direkt „nein“.
Stattdessen „grundsätzlich möglich“,
gefolgt von „sofern nicht“,
gefolgt von Verweisen
auf gesetzliche Bestimmungen,
die wiederum auf andere verweisen.
Ein Paragraphen-Labyrinth auf Papier,
in dem Logik nur als Beamtendeutsch daherkommt.

Das kann nicht sein.
Sagt ihre innere Stimme der Gerechtigkeit.
Sie ruft an.
Warteschleifen,
in denen dieselbe Melodie
fünfmal hintereinander läuft,
bevor eine Computerstimme sagt:
„Legen Sie bitte nicht auf,
Sie sind in der Warteschlange.“
Die Sachbearbeiter sprechen
in der gleichen Sprache
wie die Bescheide.
Sätze ohne Anfang und Ende,
voller „leider“ und „bedauerlicherweise“,
aber nie mit einem Warum,
dass man greifen kann.
Sie schreibt Widerspruch.
Formulare, die sie ausdruckt,
ausfüllt, einscannt, abschickt.
Monate später kommt die Antwort:
abgelehnt.
Begründung: siehe oben.

Sie, die immer pünktlich war,
immer ehrlich, immer korrekt,
fühlt sich plötzlich wie jemand,
der betrogen hat.
Als hätte sie selbst die Regeln gebrochen,
nur weil das System entscheidet,
dass ihre Jahre nicht zählen.
Sie sitz da und rechnet.
Nicht mit Zahlen,
sondern mit dem,
was hätte sein können.
Irgendwann steht sie auf,
geht ans Fenster.
Draußen fällt Schnee,
leise, gleichgültig.
Die Flocken decken alles zu,
auch das, was einmal wichtig schien.
Marlene schaut hinaus, lange.
Dann dreht sie sich um.
Der Ordner bleibt liegen.
Das Leben geht weiter.
Nur leiser.
Und ohne dass jemand fragt,
ob es gerecht war.

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