Sehen
Bemerkungen zu "Schattenwelt"
Liebe Freunde
der Poesie.
Heute komme ich
zu einem Werk,
das eigentlich bezeichnend
für die deutsche Geisteswelt ist
und trotzdem gleichzeitig
auch wiederum etwas
sehr Seltenes.
Ein Gedicht, ein bisschen esoterisch,
trotzdem –
wie soll ich sagen –
auf einem Level
und auf einem Niveau,
das es so
in der esoterisch angehauchten Literaturszene
ansonsten nicht gibt.
Und das Gedicht heißt
„Schattenwelt".
Und es handelt
von diesem Moment
zwischen Dunkelheit
und der noch am Horizont
zu erkennenden Sonne,
was man normalerweise
die blaue Stunde nennt.
Der Tag ist noch nicht vorbei
und die Nacht
noch nicht angebrochen.
Das Leben ist schemenhaft:
Das Leben am Tag ist von Sonnenlicht geprägt,
wir sehen alles.
Das Leben der Nacht
ist vielleicht von Mondlicht
oder heutzutage in den Städten
von Laternen erhellt,
aber es ist ein anderes Licht
und es ist ein anderer Rhythmus.
Der Tag ist von Arbeit geprägt,
die Nacht von Vergnügen,
aber in diesem Zwischenreich,
in dieser halben Stunde –
sowohl am Morgen,
wenn alles aufwacht,
wie auch am Abend,
wenn der Switch erfolgt
zwischen diesen beiden Lebensstilen –
da ist alles so
ein bisschen merkwürdig
und komisch.
Und er setzt sich damit auseinander –
auch mit dieser Schwelle
zwischen den Welten.
Es ist ja die blaue Stunde,
wie man sie nennt.
Es ist dunkel,
es ist blau,
aber es ist noch nicht schwarz.
Und wir wissen, was dann beginnt.
Die Dunkelheit beginnt sozusagen
sich zu erheben.
Und der Hai schluckt alles
gierig in sich hinein –
wie der Autor es auch sagt,
mit dem Bild
dieses hungrigen Halses.
Wenn jemand sagt, dass es esoterisch ist,
dann ist es
die Geisteshaltung –
aber es ist nicht,
um es primitiv zu sagen,
ein müslihaftes Esoterik-Peinlichkeitsgestammel-in-Versform,
sondern eher
ein sehr poetisch-intellektuelles Poem.
Das, wollte ich sagen,
ist in der deutschen Lyrik
selten vorhanden
und macht daher
dieses Gedicht
umso bemerkenswerter.