Sehen
Berliner Frühjahrsblues
Es ist eine sehr merkwürdige Angelegenheit
und es ist etwas,
was ich jedes Jahr
immer wieder
um dieselbe Zeit habe.
Ab einem bestimmten Alter
muss ich dazu natürlich präzisieren.
Und zwar, kaum ist der Frühling angekommen,
sagen wir Mai oder Juni,
und man riecht die ersten schönen Tage in Berlin,
was schon ein Kunststück ist,
denn Berlin ist dafür bekannt,
dass der Frühling nicht allzu üppig ausfällt,
im Gegensatz zu Italien beispielsweise.
Und man erahnt, dass der Sommer bevorsteht.
Ich räume die Kissen auf den Balkon,
damit ich mich gemütlich
in die Sonne hinsetzen kann.
Und dann, es ist noch nicht einmal Sommersonnenwende,
und dann geschieht es,
dass ich einfach träume,
dass schon wieder Herbst ist.
Und das ist unheimlich deprimierend
und ich wache auf
und bin entsetzt darüber,
dass ich einfach im Traum
schon wieder im Herbst gelandet bin.
Und irgendwie merkt man daran auch,
dass ich ein Mensch bin,
der eigentlich Sonne braucht.
Ich würde gerne in Italien leben,
aber großes Problem,
ich kann kein Italienisch.
Ich bin von der Kultur her Deutscher,
von der Staatsidee Amerikaner
und vom Wetter Italiener.
Und nirgendwo würde ich mich richtig zu Hause fühlen.
Die Amerikaner, weil ich sie für kulturlos halten würde,
die Italiener,
weil ich sie nicht verstehe,
und die Deutschen,
weil mir das Wetter einfach zu mies ist.
Manchmal habe ich schon überlegt,
ob man nach Bozen ziehen würde,
ins Südtiroler Gebiet,
wo es wenigstens noch
eine deutschsprachige Bevölkerung gibt
und man die Chance hat,
sich ein bisschen
mit der Bevölkerung zu unterhalten.
Weil es ja dramatisch wäre,
wenn man hinziehen würde
in eine Gegend
und man die Sprache einfach nicht lernt.
Was aber auch damit zu tun hat,
dass ich Deutsch sehr gut kann,
aber ich für das Lernen von Fremdsprachen
einfach zu faul bin.
Und so bin ich gefangen
im Endeffekt
in jeder Welt
nicht wirklich zu Hause zu sein.
Und das ist schon etwas,
was unbefriedigend ist.
Als ich zum allerersten Mal
im Süden war im Winter,
habe ich gemerkt,
was es bedeutet,
wenn der Winter warm ist.
Und wahrscheinlich ist dieser Traum,
diese Erschütterung,
dass man in einen schönen Frühling in Berlin geht
und weiß,
er ist eigentlich schon nach drei Tagen wieder vorbei,
weil hier Wolken verhangen
und es ein Juni oder Juli geben wird,
der mit 15 Grad einfach zu kalt ist
und ehe man es sich versieht,
ist der Sommer schon wieder rum.
Man war nicht baden,
hat sich vielleicht maximal einmal
in die Sonne legen wollen,
aber dann kam irgendwas dazwischen
und dann hat es sich auch schon erledigt.
Tja, das ist ein Zustand,
den man irgendwie ändern sollte,
aber nicht kann
und darum verarbeite ich es wahrscheinlich im Traum
und ich wache auf
und ärgere mich darüber,
dass man eigentlich an dieser Berliner Depression
nur verzweifeln könnte.
Geht es Ihnen auch so?