Sehen

Betrachtungen über "Die männliche Puppe"

Marcel von Reich-Witz

Sehr verehrtes Publikum,
zu einer gepflegten erotischen lyrischen Unterhaltung
kommen wir heute zu einer interessanten Autorin:
Elisabeth Alexander,
die leider zu Unrecht
von der deutschen Literaturkritik ignoriert worden ist.

Sie hat unter anderem auch erotische Lyrik veröffentlicht,
und ich möchte mich heute beziehen
auf ihren Text „Die männliche Puppe".

Nun, was sagt sie uns dort?
Sie spricht von seinem Lächeln
und von seinen Locken,
und dass sie – so die Frau –
sein Mäulchen stopft
in seinen Körper.
Das ist sehr interessant.

Also: die Frau bewegt sich
in den Körper des Mannes,
wenn wir den Mann hier als Puppe sehen,
die Puppe als Mann –
weil es ja heißt:
„die männliche".

Es ist also nicht der Mann,
der sich in die Frau bewegt,
sondern nein:
es ist die Frau,
die in ihn hinein eindringt.

Und sie möchte sich ihren Verstand häkeln
zu kleinen Deckchen –
das ist ein sehr interessantes sprachliches Bild,
über das man doch auch länger nachdenken
und sinnieren könnte.

Aber dann kommt der Sprung
zur großen doppelten Decke.

Und hier, genau an dieser Stelle,
geschieht ein höchst interessanter Moment.

Denn hier wird behauptet,
dass diese Decke ihr gehört –
ihr gehört,
aber benutzt.

Und in ihrer Wahrnehmung
lässt er so plötzlich
alle Maschen fallen.

Das Gefühl der Frau
wird zu Seelen-Frikassee verarbeitet.

Meine Damen und meine Herren,
das ist ein hochgradig komplexer literarischer Vorgang –
und ja,
es führt sogar noch
zu dem imaginären Nachtschränkchen hin,
das ihn,
den Mann,
weiter lächeln lässt.

Und im Traume der Protagonistin
die fleischvollen Gliedmaßen –
an dieser Stelle kann man natürlich überlegen,
ob damit Hand und Fuß gemeint ist,
oder ob dort nicht das Geschlechtsorgan
seine Erwähnung findet.

Wobei wir feststellen müssen,
dass sie es traumhaft umschreibt.

In einem erotischen Gedicht
ist das natürlich eine Frage,
die wir würdigen müssen.

Denn wenn ich ein erotisches Gedicht schreibe,
aber die Dinge sanft versteckt umschreibe,
dann stellt sich doch die Frage,
ob diese Person
mit Sexualität als solchem
durchaus ihre Konflikte hat.

Es ist also nicht derb.
Es ist nicht roh.
Es ist nicht gemein –
sondern es ist diese Zartheit.

Und vielleicht liegt gerade in dieser
eine Offenbarung
über den seelischen Zustand unserer Autorin,
der uns mehr erzählt,
als er verschweigt.

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