Sehen
Bin wieder frei
Endlich kann ich wieder ungehindert durch die Stadt ziehen. Und Orte besuchen, an denen man kein Gatte oder Ehemann sehen will. Und ich kann mich betrinken, ohne Streit mit ihr befürchten zu müssen. Und danach kann ich nach Hause wandern und ins Bett fallen. Laut rülpsen, ohne dass sie mich schief anschaut. Die Musik so laut drehen, wie es mir gefällt. Und durch die Wohnung kann ich tanzen – wild und frei –, denn sie hasste mein Tanzen. O was für ein verächtlicher Blick! Wenn ich ausgelassen war, sagte sie, dass ich zu schwul aussähe. »Du bist doch ein Kerl.« Es war eine harte und abweisende Art, wenn sie das so sagte. Vielleicht hat sie sogar recht damit. Vielleicht ist es aber auch nur meine Seele, die kindliche Freude zeigt. Eine Seite an mir, die sie nie verstanden hat. Etwas, das ich bei mir verborgen halten musste, wenn ich nicht wollte, dass sie mir den Spaß verstirbt.
Und doch so ganz allein. Ist es irgendwie auch komisch? Und ich vermisse sie – genauso stark wie das Gefühl andererseits ist, dass ich mich wieder frei fühle. Vor allen Dingen nachts zerreißt es mich. Und ich denke, aus verständlichem Grund: Dann geht mir durch den Kopf, wenn ich im Bett liege, das Kopfkissen sorgfältig hinter meinen Kopf gestopft – denkt sie noch an mich? Oder bin ich aus ihrem Bewusstsein einfach so verschwunden? Frauen sind schon eine verdammt rätselhafte Angelegenheit.
Aber andererseits: Es atmet sich einfach leichter. Ich kann laut lachen. Und niemand motzt. Wobei, niemand ist die Ex. Auch ein interessanter Gedanke. Die Ex einen Niemand zu nennen. Aber so kein Vorwurf mehr. Kein Streit über Kleinigkeiten. Und so kann ich weiter tanzen. Ihr Bewusstsein, dass sie mich verletzt hätte – und jetzt? Nicht mehr.
Die kindliche Freude lebt wieder auf. Aber ja, der Mann, der Mann ist allein. Aber andererseits: Weil sie es als Schwäche sah, kann das auch Stärke sein. Und allein sein heißt für mich einfach, mich selbst finden. Sowohl in der Stille als auch im Lernen. Aber ein bisschen Sehnsucht bleibt. Aber dafür habe ich in der Nacht eine ganz besondere Hand. Und ich kann mich an ihr in meiner Fantasie vergehen. Einschlafen. Aufwachen. Und frei sein.