Sehen
Blaulicht, Schillerstraße 14
Schillerstraße 14,
ein grauer Block unter vielen,
wird für Minuten zum Schauplatz
größter Erregung.
Fenster öffnen sich für einen Spalt.
Vorhänge zucken zur Seite.
Augen suchen nach dem Blaulicht,
das über die Fassade tanzt.
Im Erdgeschoss steht Kovacs barfuß
auf dem kalten Fliesenboden.
Er lehnt am Rahmen,
die Arme verschränkt,
und murmelt etwas halblaut
vor sich hin.
Endlich, denkt er,
endlich hat es den silbernen Audi
erwischt.
Es nervt ihn,
dass der jede Nacht
um Viertel nach elf
mit aufgeblendeten Lichtern
durch die Tempo-30-Zone rast.
Er kennt das Kennzeichen auswendig,
hat es schon zigmal notiert.
Jetzt wird Gerechtigkeit geschehen,
glaubt er,
und ein kleines, triumphierendes Lächeln
zuckt über sein Gesicht.
Zwei Stockwerke höher hat die Studentin
und angehende Influencerin
ihr Handy schon in der Hand,
bevor sie überhaupt weiß,
worum es geht.
Sie filmt die Straße schräg
von oben,
das Blaulicht spiegelt sich
in der Scheibe,
sieht aus wie ein Effektfilter.
„Drama in der Hood“,
tippt sie in die Story,
dazu ein lachendes Emoji mit Tränen.
Sie zoomt auf ein Blaulicht,
der und kommentiert live
für ihre zweihundertachtundvierzig Follower.
Im dritten Stock sitzen die beiden Rentner
nebeneinander am Esstisch.
Sie haben das Licht ausgemacht,
um besser zu sehen.
„Das ist bestimmt wieder so ein Ungeimpfter“,
sagt sie.
Er nickt,
als hätte er das schon hundertmal erlebt.
Als der Wagen ohne Sirene abfährt,
seufzt sie leise.
„Schade eigentlich.“
Ganz oben, im vierten Stock,
lehnt der IT-Berater
am offenen Fenster
und raucht eine Zigarette.
Er ist allein,
der Abend war leer,
der Bildschirm dunkel.
Jetzt hofft er auf etwas,
das er am nächsten Tag erzählen kann.
Etwas mit Verfolgung,
mit Drama,
mit einem Satz,
der beginnt mit
„Stellt euch vor, gestern Abend…“.
Stattdessen sieht er nur die Sanitäter.
Sie schieben einen Rollstuhl
aus dem Haus.
Drin sitzt ein alter Mann,
der den Kopf kaum hebt.
Er inhaliert tief,
drückt die Kippe aus.
Im Büro wird er morgen nichts sagen.
Es gibt nichts zu sagen.
Das Blaulicht erlischt.
Die Fenster schließen sich langsam wieder.
Die Straße wird still.
Niemand kennt den Namen des Mannes,
der gerade in die Notaufnahme gefahren wird.
Niemand fragt danach.
Warum auch.
Und doch war es das Einzige,
was an diesem Abend wirklich passiert ist.