Sehen

Blick zurück im Hospiz

Charles Haiku

Ich möchte Ihnen hier einen alten Herrn beschreiben.
Wie er heißt, spielt überhaupt keine Rolle.
Jedenfalls liegt er in Berlin
in einem Hospiz.
Wenn Sie unbedingt darauf bestehen,
dass er einen Namen hat,
dann nenne ich ihn einfach
den Vorsichtigen.

Was macht man in einem Hospiz?
Man bereitet sich auf den Tod vor.
So ist es auch hier.
Ich weiß nicht warum,
aber solche Orte riechen immer
nach Desinfektionsmittel.
Und nach Mahlzeiten,
die nicht mit viel Liebe zubereitet sind.
Und irgendeine Uhr tickt,
als wollte sie ihn daran erinnern,
dass die Zeit abläuft.
Vielleicht gut gemeint,
aber irgendwie nicht passend.

Sein Körper ist ein Wrack.
Nun, was will man vom Alter erwarten?
Die Beine fast schon tot
und die Hände zittern.
Vielleicht hat er Multiple Sklerose,
wer weiß das schon?
Aber der Kopf, ja im Kopf,
da ist er noch klar.
Und sein Kopf, der rast.

So erinnert er sich an eine Kollegin
aus den 80er-Jahren.
Karin Gotters.
Das war die mit den scharfen Blicken,
die ihn in einer Kaffeepause ansah.
Sie lachte damals,
legte ihre Hand leicht auf seine Schulter.
Und was machte er?
Er rührte den Kaffee um
und redete über das Wetter.
Was für ein Trottel!

War er seiner Frau treu?
Ja, wie ein Hund.
Hätte er doch zugegriffen!
Die Kollegin hing ja da,
reif wie ein Apfel.
Und?
Er hatte Angst.
Angst vor unkontrollierter Entwicklung.
Angst vor dem, was kommt.

Die Wende '89. Umstrukturierung.
Das Geld rieselte plötzlich runter wie Konfetti.
Er war mit dabei im Osten.
Die Seilschaften existierten noch.
Er hätte Geld bekommen können,
kein Problem.
Er hätte sich ein Haus billig am See kaufen können.
Reisen.
Stattdessen ließ er sich einlullen
von der neuen Ordnung.

Und jetzt? Jetzt liegt er hier.
Und das war's.
Wartet auf das Ende.
Er fragt sich:
Soll er sich freuen auf das, was kommt?
Oder wäre es ihm lieber,
dass es einfach dunkel wird –
und keine Reise in ein unbekanntes Land beginnt?

Vielleicht ist er immer noch so ein Feigling.
Im Leben wie im Tod.

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