Sehen
Chat und Tod
Ich bin keine Löscherin.
Ich behalte alles,
was mir in WhatsApp-Chats geschickt wird.
Außer vielleicht Beleidigungen.
Oder Übergriffigkeiten von Frauen.
Ja, Männer dürfen das.
Jedenfalls wenn sie zum erotischen Ensemble gehören.
Was wäre ein Mann ohne Übergriffigkeit.
Ich behalte alles,
auch Schwanzbilder,
Wichs-Videos,
unanständige Angebote.
Ich behalte aber auch alles,
was mir Freundinnen schicken.
Warum sollte ich es löschen?
So manches Missverständnis
kann man aufklären,
wenn man auf frühere Nachrichten verweist,
sie kopiert, nochmal weiterleitet.
Die Menschen sind vergesslich.
Während ich mir berufsbedingt – Presse –
Zitate von jedermann druckreif merken kann,
behaupten 99 Prozent meiner Mitmenschen,
das und das habe ich nie gesagt.
Sagen und verstehen sind ja ohnehin zwei Sachen.
Was der eine beim Sagen denkt,
kommt oft ganz anders rüber.
Erst recht beim Schreiben.
Ein Satz ohne Ton
kann tausend Dinge bedeuten.
Eine Frechheit oder ein Faktum, an das man erinnern möchte.
Eine Einladung oder eine Absage.
Eine Selbstbeweihräucherung oder ein Kompliment.
Aber jetzt habe ich ein ganz anderes Problem.
Ich habe zwei tote Chats.
Und das bedeutet nicht,
dass die Technik versagt,
das Internet hängt
oder darin nichts steht.
Es bedeutet,
dass die Besitzer verstorben sind.
Die eine, wirklich inzwischen eine Freundin zu nennen,
wurde vom Bus überfahren.
Anders als sonst endete ihr Chat plötzlich
an einem Dienstag um 12.02 Uhr.
Ich überlegte bereits,
was ist tun könnte,
um zu erfahren, ob sie vielleicht…
man weiß ja nicht,
sie war immerhin 83,
sofern sie nicht gelogen hat.
Während ich sie schon tot wähnte,
klingelte plötzlich das Telefon
und sie war dran.
Bist du im Krankenhaus, fragte ich,
war so eine Ahnung
und sie hatte ja auch immer Schmerzen beim Gehen
und anderes mehr.
Ja, sagte sie.
In einer anderen Stadt.
Sie war dort bei einem Osteopathen,
der besonders gut sein sollte,
und keines ihrer Kinder wollte sie hinfahren.
Also eierte sie mit ihren Schmerzen
und ihrem Gehstock mit Bahn und Bus zu dem Heiler.
Und erreichte ihn auch.
Auf dem Rückweg allerdings stieg sie zu langsam aus dem Bus aus,
der Fahrer fuhr zu schnell los
und der Anhänger schleuderte gegen sie.
Seitdem schaue ich die Räder von Bussen
mit einem Schaudern an.
Darunter war sie gelandet.
Becken gebrochen,
ein Arm völlig Matsch,
die Lunge gequetscht.
Ihr Handy konnte sie nicht mehr bedienen,
da auch der zweite Arm unbrauchbar geworden war,
das Handgelenk gebrochen.
Unsere alte Kommunikationsmöglichkeit war dahin.
Als sie anrief,
hatte ihr jemand mit dem Handy geholfen.
Nur drei Tage später
konnte ich sie besuchen, live, nicht digital.
Sie wollte nur noch Jogurt ohne Geschmack essen.
Und ob ich ihr den Verband am Bein abnehmen könnte.
Sie war die Alte,
selbstbewusst, in ihrer Welt ohne Zweifel,
einen Hauch narzisstisch.
Am besten man fragte sie nur nach ihrem Befinden,
wenn man von sich sprechen wollte,
wechselte sie meist das Thema.
Aber das hatte sich im Laufe der Jahre gebessert.
Nachdem ich ihr jahrelang immer zugehört hatte,
durfte ich hin und wieder auch etwas von mir sagen.
Und sie merkte es sich sogar.
Und fragte ab und zu mal nach.
Das war wirklich schön.
Man muss nur Geduld haben,
eine oft lange Weile selbstloser sein,
dann kommt auch etwas zurück.
Wir schrieben uns sehr oft.
Banalitäten.
Wie wars im Tanzlokal.
Wo wir uns kennengelernt hatten
und Konkurrentinnen um die besten Tanzpartner waren.
Jedenfalls des öfteren.
Manchmal war ich froh, wenn sie nicht da war,
da sie dreist sein konnte in der Hinsicht.
Wir saßen auch nicht zusammen am Tisch,
einen ganzen Abend wollte ich mir ihre Selbstgefälligkeit nicht antun.
Aber ich besuchte sie oft an ihrem Tisch.
Und sie mich an meinem.
Es hatte sich entwickelt,
schön entwickelt.
An einem Freitag wenige Tage nach ihrem Anruf aus dem Krankenhaus
brach ich spontan auf in die andere Stadt.
Die Besuchszeiten und ihre Zimmernummer
hatte ich telefonisch erfragt.
Ich kündigte mich nicht an,
wichtig war nur, dass sie nicht mehr auf der Intensivstation war.
Und so stand ich plötzlich an ihrem Bett.
Sie hat sich sehr gefreut,
ich schrieb in ihrem Auftrag ein paar Nachrichten an Bekannte,
die sie auch besuchen sollten.
Ich legte ihren schlaffen Arm anders hin,
so wie sie es wünschte.
Und ich ging los in das Klinikrestaurant
auf der Suche nach einem Jogurt ohne Geschmack.
Mir war so übel auf dem Weg.
Und ich bekam gleichzeitig wie verrückt Hunger.
Ich kaufte mir ein Schnitzel mit Pommes
und aß es ganz in Ruhe,
genoss jeden Bissen Leben,
das ich dadurch in mir spürte.
Es war der nahe Tod,
der meine Übelkeit auslöste.
Ich ging zittrig durch die Klinikflure,
spürte bei jedem Schritt die Gefahr,
von einem Bus überfahren zu werden.
Den Tod, der ganz nah lauern und unverhofft kommen konnte.
Übelkeit bei nahem Tod hatte ich schon einmal verspürt,
bei meinem Vater.
Als er nachts im Bett saß und nach Luft japste.
Als ich das Jogurt brachte,
waren ihr Kinder da.
„Wir haben auch Jogurt mitgebracht.“
Ich verabschiedete mich,
meine Freundin kam mir müde und erschöpft vor,
auch erfreuliche Besuche sind anstrengend,
das hatte mir einst der Arzt gesagt,
als mein Freund auf Intensiv lag.
Er schickte mich fort,
es sei Lebensgefahr.
„Es war schön, dass du da warst“,
sagte sie,
den durchsichtigen Sauerstoffschlauch in der Nase.
„Ich komme bald wieder“, sagte ich und ging.
Später erfuhr ich,
dass sie am Samstag Abend, also am nächsten Tag, gestorben ist.
Dass ich anders als mit der Tochter abgesprochen
zwei Tage früher gefahren war,
ein Glück.
Was mache ich jetzt mit unserem Chat?
Ich wollte ihr gerne schreiben,
dass im Tanzlokal genau der,
von dem ich dachte er wäre am schockiertesten über ihren Tod,
ganz komisch reagiert hat.
Als würde er gar nicht wissen, von wem ich rede.
Ich wollte ihr schreiben,
dass ihr Verehrer Christian seitdem nicht mehr zu sehen war.
Ich wollte ihr schreiben,
dass ich sie vermisse.
All den Schmarrn, den wir uns geschrieben haben.
Die Banalitäten,
die naturmedizinischen Theorien über Heilmittel für unsere Zipperlein.
Die „mir geht s heute richtig gut“ Aussagen.
Die „jetzt sind die Schmerzen wieder schlimmer geworden“ Berichte.
Während ich das schreibe,
bekomme ich wieder Magenschmerzen.
Der Tod macht mir Magenschmerzen.
Was mache ich mit unserem Chat?
Soll ich ihn löschen?
Ich kann nicht.
Inzwischen gibt es einen zweiten toten Chat.
Eine zweite tote Person.
Eine ihrer letzten Nachrichten,
ein Foto von sich selbst
und „Ich war gestern beim Friseur, da ging es mir ganz gut.
Heute habe ich zum ersten Mal Morphium bekommen.“
Beide Chats sind jetzt archiviert.
Aber sie stören auch irgendwie.
Ich bin keine Löscherin.
Ich behalte alles,
was mir in Chats geschrieben und geschickt wird.
Schwanzbilder und Wichs-Videos
und unanständige Angebote.
Wenn ein solcher verheirateter fremdgehender Mann
sterben sollte, würde ich es nicht erfahren.
Doch, vielleicht durch diesen seltsamen schwarzen
zum Abschied winkenden Avatar,
der auch in dem Chat von S. aufgetaucht ist,
nachdem ihre Kinder ihre Nummer wohl abgemeldet hatten.
Mutig habe ich eben beide Unterhaltungen
bis zu ihren Anfängen zurückgescrollt.
Hallo S., ich habe jetzt ein Smartphone, hier meine Nummer.
Hallo P., es war schön gestern, hier meine Nummer.
Chat löschen?