Sehen

Cordulas verstreute Gedanken

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Wie sie sich lehnte
und schmiegte – an ihn –;
ihn mit ihren zierlichen Fingern
anfaßte,
seinen starken nackten Oberarm,
während seine Hände
über die Klaviertasten gleiteten
und sich sein Kopf
leicht nach hinten bog,
damit der Qualm der Zigarette,
die ihm im Mundwinkel steckte,
nicht in die Augen trat.

Ja, etwa so,
wie in einem schwarz-weißen Gansterfilm.

So kam es ihr vor.

Und ihre Gedanken kreisten.
Kreisten
und waren nicht in der Lage
sich zu fixieren.

Sie wurde von einer leichten Welle Unwirklichkeit
überschwemmt
und sie dachte an Blut.

Warum an Blut? Das wollte ihr nicht klar werden.

Der Geruch von Blut ist kupfern,
und der Geschmack irgendwie wie…
Metall – eisern?

Ein verstörtes weibliches Wesen ist sie.

Wie ordnet man Gedanken?

Die Brüste der Frau sind doch wohl
zu über 90 Prozent
für den Mann da,
und nur etwa 10 Prozent
für Babys,
oder?

Und im Vergleich zum Körper des Mannes
verwelkt und verblüht der Körper der Frau
viel eher,
viel schneller?

Ist es nicht so?

Wenn ich ihn so anschaue,
ihn,
seinen Körper,
und dann mich,
die ich fast gleichaltrig mit ihm bin –
es ist nicht schön zu sehen,
daß er besser wegkommt
in Punkto Attraktivität.

Ach, in unserem Alter –
was für ein Unsinn,
was für Düster-Gedanken.

Immer wieder.

Als ich noch jung war,
da schaute ich in den Spiegel
und war fasziniert von mir
und meiner Schönheit…

Hinweg.

Die Zeit verstehe wer kann und will –;
ich sehe meine nackten Brüste vorm Spiegel
und sehe,
daß das Fleisch sich anders verändert
als Gestein.

Doch ich verstehe zu lieben.
Mit meiner Sinnlichkeit
und mit meiner Seele.

Ich werde ihn gleich zu verführen versuchen.

Früher hab ich´s mit Leichtigkeit gekonnt.

Aber da stand mir ja auch noch
ein straffer junger Frauenkörper bei.

Heute ist das verrückt.

Das Lieben mit der Seele
ist dafür größer geworden.

Und tiefer.

Viel tiefer.

Unsere Lebenszeit will vernünftig verwaltet werden.

Inhaltlich klug ausgefüllt,
und unserer Bestimmung,
die wir im Innern spüren –
will nachgegangen werden.

Ich setze mich gleich ganz einfach nackt
auf seinen Schoß.

Wenn er weiter dabei Klavier spielen will –
dann spielt er weiter.

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