Sehen

Das Blickduell der Pendler

Charles Haiku

Wenn Sie in einer größeren Stadt wohnen
mit einem ordentlichen öffentlichen Nahverkehr,
sagen wir einer S-Bahn oder einer Straßenbahn,
dann kann Ihnen dies auch geschehen
oder vielleicht haben Sie es selber schon erlebt.

Und zwar stellen Sie sich vor,
Sie sind auf dem Weg zur Arbeit.
Es ist früher Morgen,
das Büro wartet.

Sie sind noch nicht allzu alt,
vielleicht Ende 20,
Anfang 30.

Sie sind Single oder mit Ihrer Beziehung unzufrieden
und Sie wissen,
naja,
lange dauert es nicht mehr,
noch ein halbes Jahr
und wir sind getrennt
und im Geiste sind Sie vielleicht auch wieder auf der Suche.

Aber Sie kennen ja niemanden.
Also scrollen Sie auf dem Handy
und manchmal schauen Sie auf.

Und da, zufällig,
kreuzt sich der Blick
mit einer Person gegenüber.

Und jetzt kommt das Spannende.
Beide halten den Blick,
sowohl Sie
als auch Ihr Gegenüber.

Und Sie wissen, wer zuerst wegschaut,
hat verloren.

Dieses Spiel wurde von Ihnen nicht vereinbart,
aber jeder weiß es,
jeder kennt die Regeln.

Vielleicht haben Sie Glück
und die Bahn fährt durch einen Tunnel,
Lichter flackern kurz auf
und Sie können wegschauen,
ohne dass man sagen kann,
wer war jetzt der Verlierer
und wer der Gewinner.

Beide nippen an Ihren Bechern,
ohne wirklich zu trinken
und vielleicht werden Ihre Wangen rot,
nicht vor Scham,
sondern vor Anspannung.

Und die große Frage steht im Raum,
ist das ein Flirt,
ein Test
oder einfach der Wunsch nach echtem Kontakt?

Das ist eine spannende Frage.

Vor allen Dingen auch,
ist es das andere Geschlecht,
das Ihnen gegenüber sitzt
oder das eigene?

Wenn Sie sich selbst nicht als homosexuell einstufen
und es ist das eigene Geschlecht,
das Ihnen gegenübersitzt,
ist es noch ein bisschen problematischer,
denn dann schwingt noch eine andere Art von Konkurrenz mit drin.

Nämlich die Frage, bin ich der Platzhirsch hier?
Bin ich der Champion,
der Alphamann
oder die Alphafrau?

Aber meist ist es dann so,
irgendwann öffnen sich die Türen
und einer von beiden steigt aus.

Einer bleibt sitzen
und der andere geht raus,
oder umgekehrt.

Und dann, wenn es eine Frau und ein Mann war
und der andere Ihnen gefallen hat,
dann bereut man es sofort,
dass man den anderen nicht angesprochen hat.

Und früher waren dann in den Zeitschriften die Anzeigen voll.
Habe dich gesehen in der U-Bahn zwischen Station X und Station Y.
Du hast mir zugelächelt,
ich möchte dich wiedersehen.

Die Wahrscheinlichkeit,
dass der andere diese Annonce jemals las,
ich glaube,
sie geht gegen null.

Und alles, was zurückbleibt,
ist die quälende Frage,
habe ich hier die Frau meines Lebens
oder den Mann meines Lebens versäumt
oder hat mich das Schicksal vor einer toxischen Beziehung bewahrt?

Diese Frage werden Sie aber niemals klären können.

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