Sehen

Das Kondom

Marcel von Reich-Witz

An das erotisch
begeisterte Publikum
möchte ich heute
dies besprechen.

Und zwar das Poem von Max Hermann-Neiße:
„Das Kondom“.

Und hier erleben wir
ein ganz, ganz anderes Sujet,
als es sonst
der Fall ist.

  Der Autor widmet sich
unter anderem der Frage
der Erlösung
von einer unerwünschten Schwangerschaft,
die zum Beispiel
durch ein Kondom
zu erreichen ist.

Und er zelebriert literarisch die Lust
dieses Kondoms,
das sich zärtlich
an seine Eichel
schmiegt.

Nun, der erfahrene Erotomane
weiß,
dass dies nicht wirklich
ein schönes Gefühl ist.

Sein Geschlechtsteil
eingehüllt
wie in die Pelle
einer Leberwurst
zu wissen.

Das ist nun alles andere als erotisch.

Aber trotzdem versucht der Autor,
auch in dieser engen Zeit
einen erotischen Moment
zu finden.

Oder wenigstens sich selbst
zu suggerieren.

Meine Damen und Herren,
dies ist ein wichtiger Punkt
in der Erotik.

Die Selbstsuggestion.

Wir kennen das, mit einer Frau
oder mit einem Mann
zusammen zu sein,
den man sich erst
schönsaufen muss.

Und auch hier ist es so,
er muss sich das Kondom
förmlich lyrisch erschließen,
damit er daran
überhaupt Freude hat.

Und er sagt, dass ihm das Kondom
zur Erretterin wird.

Also auch hier: Das Interessante ist,
dass das Kondom,
also sächlich,
zur Erretterin wird.

Also weiblich.

Und er nimmt sozusagen
die Bitternis
aus unserm Becher
und macht aus dem verhassten Leben
Tod,
und das ist doch
ein bisschen kafkaesk.

Noch interessanter ist
der letzte Teil,
die letzte Strophe,
wo es um den ekligen Nachgeschmack geht:

Das Kondom vor dem Zukunftsfluch.

Ich glaube, wir kommen hier
an dieser Stelle wieder
an den Punkt
des Schizophrenen.

Einerseits wird das Kondom
angebetet,
andererseits hat es
einen üblen Nachgeschmack.

Und die Sexualität,
in der es ja eigentlich darum geht,
Nachkommen zu erzeugen,
wird hier gleichsam
als Naturfluch gesehen.

Fluch der eigenen Zukunft,
und ich glaube,
meine Damen und Herren,
dass man an dieser Stelle
aufpassen muss,
denn scheinbar geht es
dem Autoren hier nur
um das reine, simple Vergnügen.

Selten hat man ein Verständnis der Art
reiner sexueller Ausschweifung
so ungeniert
unter die Nase gerieben bekommen,
wie bei diesen Zeilen.

Und ich denke, Sie sollten über diesen poetischen Erguss
und seine tiefere Bedeutung
einmal gründlich nachdenken.

Auf die Nachkommenschaft.

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