Sehen
Das Märchen vom schönen Tod
Man hat mir gesagt,
Onkel Heinz ist gestorben.
Ganz friedlich eingeschlafen,
wie sie alle sagen.
Mit diesem sanften, verständnisvollen Ton,
den Leute anschlagen,
wenn sie einem was vom Pferd erzählen wollen.
Friedlich eingeschlafen?
Der Mann lag seit drei Wochen im Koma,
umgeben von piependen Kühlschränken,
an denen Schläuche hingen
wie Tentakel aus einem schlechten Science-Fiction-Film.
Jeder Piepton ein kleiner Tritt in die Eier der Angehörigen,
jede rote Lampe ein
„Noch nicht ganz tot, aber macht euch schon mal warm“.
Friedlich eingeschlafen –
das sagt man doch nur,
wenn Oma im Schaukelstuhl
mit der Strickerei auf dem Schoß wegdämmert
und dabei leise furzt.
Nicht, wenn ein Kerl,
der zeitlebens zwei Schachteln Zigaretten
und eine Flasche Korn am Tag verputzt hat,
plötzlich zum Gemüse wird
und von Maschinen am Leben gehalten wird,
weil sein Herz beschlossen hat,
endlich mal Urlaub zu nehmen.
Nach fünfzig Jahren Schichtarbeit,
nach drei Herzinfarkten
und einem Leben,
in dem er sich eher totgesoffen als totgearbeitet hat.
Die Schwester im Krankenhaus
hat es auch versucht,
mit diesem aufgesetzten Mitleidsblick:
„Er hat nicht gelitten.“
Klar, weil er nichts mehr mitgekriegt hat.
Der Mann war weg,
lange bevor er wirklich weg war.
Die Seele schon auf dem Weg zur Theke,
während der Körper noch dalag
wie ein kaputter Kühlschrank,
der nur noch brummt und nichts mehr kühlt.
Und wir stehen da,
nicken brav
und schlucken die Phrase runter
wie bittere Medizin.
Friedlich eingeschlafen.
Als ob Sterben jemals friedlich wäre.
Als ob man nicht immer irgendeine Rechnung offen lässt –
mit dem Finanzamt, mit der Exfrau, mit dem eigenen Körper.
Onkel Heinz hat seine Rechnung bezahlt,
auf Raten, mit Zins und Zinseszins,
bis der letzte Pfennig fällig war.
Und wir nennen das jetzt „friedlich“,
weil wir die Wahrheit nicht ertragen:
Dass er einfach abgenippelt ist,
lautlos, würdelos,
angeschlossen an einen Apparat,
der mehr kostet als sein Leben je wert war.
Aber sagt das mal laut.
Sagt mal:
„Der alte Sack hat endlich die Hufe hochgerissen,
nach all dem Scheiß, den er sich reingezogen hat.“
Nee, dann heißt es gleich,
man hätte keinen Respekt vor den Toten.
Dabei ist das der größte Respekt:
Die Wahrheit sagen,
ohne sie mit Watte zu umwickeln.
Onkel Heinz ist nicht friedlich eingeschlafen.
Er ist abgekratzt,
wie ein alter Motor, der einfach nicht mehr anspringt.
Und wir?
Wir lügen uns die Welt schön,
weil wir sonst zugeben müssten,
dass das Leben im Grunde
eine einzige, lange, beschissene Wartezeit ist –
auf den Moment,
in dem irgendwann einer kommt
und sagt:
„Er ist ganz friedlich eingeschlafen.“
Und wir nicken,
weil wir wissen,
dass wir selbst irgendwann genau so daliegen werden.
An Schläuchen, piepend,
mit einem Schild am Bett,
auf dem steht:
„Bitte nicht wiederbeleben –
der wollte eh nur noch seine Ruhe.“
Aber sagt das mal.
Sagt mal die Wahrheit.
Dann seid ihr die Arschlöcher.
Also schluckt man den Satz runter,
nickt,
und denkt sich:
Scheiße, ja.
Schön geredet habt ihr’s wieder, ihr Heuchler.
Onkel Heinz hätte gelacht.
Der hätte gesagt:
„Friedlich? Ich hab gekämpft wie ein Löwe,
bis der letzte Tropfen Korn alle war.“
Und dann hätte er sich eine angezündet.
Auch wenn’s auf der Intensivstation verboten ist.
Ruhe in Frieden, du alter Saufbold.
Und wenn’s oben eine Theke gibt –
die erste Runde geht auf mich.
Aber lüg mich bloß nicht an,
wenn du da oben sitzt und runterguckst.
Sag nicht „friedlich“.
Sag einfach:
„War ’ne geile Zeit.
Und jetzt ist Schluss.“
Das wär wenigstens ehrlich.