Sehen

Das Sofa - Ankunft im Boudoir

Tom Thomson

Ich war einmal ein Mensch, dann wurde ich von einem Geist in ein Sofa verwandelt, stand jahrelang in einem Bordell und erlebte dort die verrücktesten Dinge. Dann starb die Puffmutter Gisela, und jetzt ist die Versteigerung des gesamten Mobiliars dran, denn das Bordell wird aufgelöst. Es gibt niemanden, der es übernimmt, es gibt keine Erben, es gibt nur eine tote Puffmutter, die aufgebahrt im Leichenhaus liegt. Und der Auktionator läuft durch die Räume und versteigert Stück für Stück das Inventar.

Es sind ein paar Herren hier, die ein Boudoir betreiben. Sie schauen mich an, sie schauen sich an, sie nicken – und kurzerhand gehöre ich ihnen. Sie ersteigern noch ein paar Dinge, unter anderem Rami in seiner Öllampe. Sie kennen das Geheimnis nicht, aber wer weiß – vielleicht hat Rami ein bisschen nachgeholfen, indem er telepathisch signalisierte, dass zu diesem Sofa auch eine Lampe gehört. Wie dem auch sei: Ein paar kräftige Möbelpacker fassen mich an den Ecken und tragen mich hinunter. Und zum ersten Mal seit Langem bin ich wieder an der frischen Luft, über mir der blaue Himmel, den ich jahrelang nicht gesehen habe. Es ist schon merkwürdig – einerseits trauere ich um die Puffmutter, andererseits freue ich mich und hoffe auf Veränderung.

Ein Boudoir ist eigentlich gar nicht so anders als ein Puff, es geht nur ein bisschen gesitteter zu, versteckter, unauffälliger. Aber gevögelt wird hier auch, nur riecht es besser. Es ist alles vom Feinsten. Hier verkehrt nur die Hautevolee, die Crème de la Crème. Leute, die strengstens darauf achten, dass ihr guter Ruf nicht ruiniert wird. Wer möchte sich schon in einem Bordell sehen lassen, wenn er in der Öffentlichkeit steht? Dafür gibt es bessere Etablissements. Ein Boudoir eben, in dem man Mitglied sein muss, für viel Geld im Monat. Und dann schaut man vorbei, knüpft Kontakte, spricht mit diesem oder jenem Herrn, natürlich rein geschäftlich.

Und wie es der Zufall so will, sind auch hier junge, nette, hübsche Damen anwesend, die, nun ja, durchaus zu der einen oder anderen erotischen Schandtat bereit sind – ganz diskret, aber genauso verrucht wie in einem stinknormalen Bordell. Also habe ich die Welt des käuflichen Sexes eigentlich gar nicht verlassen, ich bin nur eine Liga aufgestiegen. Auf mir ficken jetzt die Reichen und die Schönen, ab einem Jahreseinkommen von einer Summe, die ein Normalsterblicher in seinem ganzen Leben nicht verdient.

Zugriffe gesamt: 5