Sehen
Das Sofa - Der erste Stoß
Falls Sie sich gerade fragen,
wer hier zu Ihnen spricht —
oder schreibt:
Ich bin ein Sofa.
Noch vor kurzem war ich
eine Frau aus Fleisch und Blut,
bis ein nachtragender Dschinn
mich in dieses Möbelstück
verwandelt hat.
Und jetzt werde ich Ihnen berichten,
was ich gerade erlebt habe.
Ich weiß nicht wie,
aber ich bin hierher verfrachtet worden,
in ein Bordell.
Mein Gott, ein stickiges Zimmer
im ersten Stock.
Geruch von Zigarren,
die irgendwo im Nebenraum gepafft werden,
Schwaden von Parfum,
ein bisschen Schweiß,
überall schwere Samtvorhänge,
und aus dem Nachbarraum dringen
gedämpftes Lachen
und die Charleston-Musik
aus dem Salon.
Ich bin noch vollkommen außer mir
über diese Dreistigkeit,
mich in ein Sofa zu verwandeln.
Ich versuche zu schreien,
ich versuche mich zu bewegen,
aufzustehen,
irgendetwas zu tun —
es geht nicht.
Ich kann nur denken,
fühlen,
Panik empfinden.
So stehe ich eine Weile herum
und versuche,
meine Gefühle unter Kontrolle zu bekommen.
Da geht die Tür auf,
und Madame Gisela führt
einen beleibten,
aber gut gekleideten Beamten herein,
der schon ziemlich angetrunken ist
und es offensichtlich eilig hat.
Er lässt sich schwer
auf mich sinken,
winkt Hilde heran —
sie ist eine der Hausdamen —
und fordert sie auf,
sich ebenfalls auf mich zu legen.
Was nun beginnt, ist ein Beamtenrammeln auf mir.
Mit brutaler Intensität spüre ich
das Gewicht der beiden Körper,
ihre Wärme,
jede Bewegung,
jede Reibung,
jeden Stoß.
Ich muss ehrlich gestehen:
Was da rasend schnell
auf mir geschieht,
fängt an,
mich zu erregen.
Aber dann merke ich etwas.
Ich komme nicht. Egal wie sehr es mich durchfährt,
ich erreiche keinen Höhepunkt.
Das ist der Moment,
in dem ich begreife,
was dieser Dämon Rami
mir wirklich angetan hat.
Ich fluche innerlich:
Du verdammter Hurensohn,
das hast du mit Absicht gemacht.
Ich bringe dich um,
wenn ich dich jemals wieder
in die Finger bekomme.
Der Beamte ist ungeschickt,
schwitzt stark,
keucht
und kommt viel zu schnell.
Danach ist er schlecht gelaunt
und murmelt etwas wie
„nicht mein Tag heute“.
Beide stehen auf, verlassen den Raum,
und Madame Gisela kommt kurz herein,
um mich zurechtzudrücken.
Ich fühle ihre Hände
auf meinem Polster,
auf meinem Holzgestell,
und es hat etwas Fremdes,
Demütigendes an sich.
Ich stehe da im Raum,
immer noch erregt
und gleichzeitig unbefriedigt,
und so langsam dämmert mir:
Das ist von jetzt an mein Leben.
Wie lange? Wie lange lebt ein Möbelstück?
Hundert Jahre? Pech gehabt.
Werde ich das aushalten —
oder werde ich vorher verrückt?
Oder gibt es, gegen jede Wahrscheinlichkeit,
doch noch Hoffnung,
dass ich wieder ein Mensch werden kann?