Sehen
Das Sofa - Der Jüngling
Früher war ich eine junge Frau,
die Männer nach ihrer Pfeife tanzen ließ.
Heute bin ich ein Sofa,
verzaubert von einem Dschinn,
und stehe in einem Bordell —
und die Männer liegen wieder auf mir.
Allerdings, weil ich der Untergrund bin,
auf dem sie sich mit einer anderen Frau amüsieren.
Es ist spät.
Die Tür geht auf,
und herein kommen ein älterer Mann
und ein junger Herr.
Der Ältere ist forsch,
breitbeinig,
schon ein wenig angetrunken.
Der andere — nun,
er wird vom Älteren hereingeschoben.
Ein blutjunger Kerl,
keine neunzehn,
teurer Anzug,
gute Schuhe
und ein Gesicht so rot wie eine reife Tomate.
„Mein Geschenk an dich“,
verkündet der Ältere
und klopft dem Jungen auf die Schulter.
„Wird Zeit, dass aus dir ein Mann wird.“
Der Ältere — vermutlich der Onkel — lacht,
drückt dem Jungen noch ein paar Scheine in die Hand
und verschwindet in Richtung Salon.
Der Junge bleibt zurück
und weiß ganz offensichtlich nicht,
was er jetzt tun soll.
Mit den Händen erst recht nicht.
Er steckt sie in die Taschen,
zieht sie wieder heraus,
ist ziemlich nervös.
Dann kommt Hilde herein,
mustert ihn,
und ich sehe sofort:
Sie hat begriffen, was hier los ist.
„Na, mein Süßer“,
sagt sie sanft
und schließt die Tür hinter sich.
„Komm erst mal her,
wir haben doch alle Zeit der Welt.“
Sie führt ihn zu mir,
setzt ihn auf mich,
setzt sich neben ihn
und streicht ihm über die Wange.
Der Junge zuckt zusammen,
als wäre er mit einer Nadel gepiekst worden.
Ich spüre durch mein Polster,
wie er zittert.
Tatsächlich, er zittert.
Und ich denke:
Junge, Junge, Junge,
wenn du wüsstest,
was ich früher mit solchen wie dir gemacht hätte.
Ich hätte dich gefrühstückt
und vor dem Mittag wieder vergessen.
Aber Hilde gibt sich Mühe.
Sie flüstert ihm etwas ins Ohr,
lacht leise,
nimmt seine Hand
und legt sie sich auf die Hüfte.
Er ist steif.
Nun, nicht da, wo er es sein sollte,
sondern überall steif vor Angst.
Es dauert eine Weile —
viel Geduld,
viel Geflüster —
bis Hilde ihn endlich so weit hat,
dass es überhaupt losgehen kann.
Und dann, tja,
dann ist es schon vorbei,
bevor es richtig angefangen hat.
Und dann diese furchtbare Stille.
Der Junge liegt da,
das Gesicht in meine Polster vergraben,
und ich spüre,
wie ihm die Schamesröte bis in die Ohren steigt.
„Es tut mir leid“,
stammelt er,
„es tut mir so schrecklich leid.“
Und ich denke mir:
Nein, dir muss es nicht leid tun.
Hilde ist die Professionalität in Person.
„Es ist doch gar nichts passiert, mein Schatz“,
sagt sie
und streicht ihm über den Rücken.
„Passiert den Besten.“
Der arme Kerl,
sein erstes Mal —
und dann versagt.
Ich hoffe,
dass ihn das sein Leben lang nicht begleiten wird.
Hilde sagt:
„Pass auf — wir warten hier noch eine Weile,
und dann gehen wir raus,
und ich sage deinem Onkel,
dass du gevögelt hast wie ein Großer.
Was hältst du davon?“
Der Junge nickt dankbar.