Sehen

Das Sofa - Der Zusammenbruch

Tom Thomson

Ich bin ein lebendes Möbelstück
mit Gefühlen und Gedanken.

Jetzt werden Sie sagen,
so etwas gibt es nicht,
und ich kann Ihnen versichern:
doch.

Ich war eine Frau und wurde von einem Dschinn
in ein Sofa verwandelt.

Und jetzt friste ich mein Dasein
in einem Bordell.

Ein Bordell, das eine spektakulär gescheiterte Wiedereröffnung
hingelegt hat,
mit einer rauschenden Party,
die ihren Zweck,
das Geschäft wieder anzukurbeln,
verfehlt hat.

Irgendwie liegt ein Fluch
auf diesem Haus seit Kurzem,
denn es ging bergab
mit Razzia und Partys,
die aus dem Ruder gelaufen sind.

Und jetzt sitzt die Puff-Madame Gisela,
die den Laden seit Jahren führt,
allein im Salon
und trinkt Kognak.

Sie zählt die mageren Einnahmen des Abends
und wirkt erschöpft.

Sie sieht älter aus als sonst,
hat aber immer noch ihren Stolz.

Sie setzt sich auf mich,
streichelt mich,
als wüsste sie,
dass ich zuhöre,
und sagt:
„Na, altes Mädchen,
wir haben es versucht,
oder?“

Ich frage mich, ob sie weiß,
dass ich alles hören kann,
und denke mir:
Vielleicht redet sie ja wirklich mit mir.

Da greift sie sich plötzlich ans Herz.
Sie beginnt hin und her zu wanken
und bricht auf mir zusammen.

Was war das? Ein Herzinfarkt?

Ich versuche, um Hilfe zu rufen,
aber ich kann ja nicht schreien.

Ich habe ja keinen Mund.

Sie liegt da, winselt,
röchelt.

Ich gerate in Panik
und versuche mit meinen Federn
irgendwie zu quietschen
und Geräusche zu machen,
aber niemand hört mich.

Und plötzlich geht die Tür auf,
und Hilde und Mizzi schauen herein.

Sie sehen Gisela auf mir liegen.

Beide schreien auf.

Hilde versucht noch,
Gisela zu reanimieren,
aber es ist scheinbar zu spät.

Sie gehen aus dem Raum
und suchen nach einem Telefon,
um den Notdienst anzurufen.

Rami kommt kurz aus der Lampe,
sieht Gisela liegen
und sagt ungewöhnlich leise
und respektvoll:
„Sie war eine von den wenigen,
die wirklich etwas taugte.“

„Ach“, sage ich, „vor Kurzem hast du dich noch
über sie lustig gemacht.“

Er antwortet nicht und verschwindet wieder.

So ist das.

Ich war jahrelang ein Sofa
in einem Bordell,
und dann stirbt die Inhaberin
auf mir.

Eine Frau, die mich all die Jahre
hier behalten hat.

Und ich fühle eine merkwürdige bittere Mischung
aus Trauer,
Respekt
und Einsamkeit.

Ich spüre: Das Bordell ist tot.

Aber was wird nun aus mir?

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