Sehen
Das Sofa - Die Kokain-Nacht
Ein Sofa zu sein hat gewisse Nachteile,
vor allem wenn man vorher eine Frau war,
die selbst gerne mal ordentlich gefeiert hat —
und jetzt nur noch das Möbelstück unter einer feiernden Gesellschaft ist.
Es ist Pfingsten, und im Bordell herrscht heute geschlossene Gesellschaft.
Die Puffmutter Gisela hat eine kleine private Runde angekündigt.
Drei gut situierte Herren,
darunter ein junger Snob mit sehr viel Geld,
kommen ins Zimmer
und ziehen vier Mädchen hinter sich her:
Hilde,
Trude,
Mitzi
und eine Neue,
deren Namen ich nicht kenne.
Der junge Snob zieht eine Dose Kokain hervor,
und schnell kippt alles in eine ausgelassene,
überdrehte Orgie.
Die Herren und die Mädchen sniffen,
alle lachen laut,
werden enthemmt
und fallen auf mir übereinander her.
Ja, so eine chaotische Gruppenszene ist schon eine erregende Angelegenheit.
Nur zu gern würde ich mitmachen
und auch ein bisschen vom Kokain kosten.
Ich probiere,
ob mir das gelingt.
Ich lasse meine Sprungfedern ein wenig spielen,
sodass die Dose —
die der Herr unvorsichtigerweise offen gelassen hat —
anfängt zu vibrieren und zu hüpfen.
Tatsächlich fliegt ein bisschen Staub aus ihr heraus
und rieselt auf mich herab.
Der Herr kriegt das mit,
lacht erst,
ist dann verdutzt und verärgert
und legt die Dose zur Seite.
Aber ich merke: Auch wenn ich mich nicht bewegen kann —
das Kokain wirkt.
Ich werde forscher,
lasse die Gesellschaft erzittern
und halte mit meinen Sprungfedern ordentlich dagegen,
sodass die Herren ganz begeistert noch wilder auf den Damen herumzurutschen und zu stoßen beginnen.
Irgendeiner verschüttet sogar Champagner auf mir,
und ich muss aufpassen,
dass ich nicht besoffen werde.
Einem Herrn wird es zu wild,
ein anderer rutscht ab
und fällt fast vom Sofa.
Die Mädchen lachen hysterisch.
Ein Herr greift sich die Dose wieder
und lässt etwas von dem wundervollen Puder auf seine Schwanzspitze herabrieseln,
damit diese noch steifer wird.
Ich merke: ein Kenner.
Irgendwann löst sich die Gesellschaft auf.
Alle sind erschöpft,
verschwitzt oder high.
Madame Gisela räumt auf.
Ich bleibe zurück —
bekifft,
vollgekokst,
mit Champagner abgefüllt,
aber leider auch diesmal ohne erlösenden Orgasmus.
Und ich frage mich:
Wie viele solcher Nächte muss ich noch ertragen?