Sehen
Das Sofa - Die Putzkraft Frau Krause
Wenn man ein Sofa ist,
das früher mal ein Mensch war,
dann kann es zu merkwürdigen Momenten kommen.
Ich bin ein Sofa in einem Bordell,
und gleich kommt die Putzfrau herein.
Auch ein Bordell kennt einen frühen Morgen,
in dem alles noch schläft
und durch die Spalten der schweren Vorhänge
dünnes graues Licht fällt.
Ich höre, wie irgendwo ein Wasserhahn tropft,
aber der Hausmeister schläft auch noch.
Dann geht die Tür auf,
und herein kommt die Putzfrau.
Frau Krause heißt sie.
Sie trägt einen Eimer und Lappen
und einen Kittel,
der bessere Tage gesehen hat.
Und sie berlinert kräftig.
Sie stellt den Eimer ab,
seufzt tief
und sieht mich an.
„Na, altes Mädchen“,
sagt sie,
„hast du wieder die janze Nacht alles mitjekriegt, wa?
Du siehst heute aber ganz schön ramponiert aus.“
Ich bin hellwach. Mit mir?
Redet sie mit mir?
Sie fängt an zu wischen,
klappert dabei vor sich hin,
als wäre ich eine alte Bekannte.
„Mannometer“, murmelt sie
und zupft etwas aus meiner Ritze.
Ein Knopf, wieder ein Knopf.
„Die reißen sich hier wohl die Hemden vom Leib, wa?“
Sie hält ihn ins Licht,
dreht ihn zwischen den Fingern
und steckt ihn in die Kitteltasche.
„Und überall nur Haare, wa?
Blond und Schwarz,
die jehen wieder aufeinander los.“
Sie lacht in sich hinein.
Sie klopft meine Polster ab,
einmal links,
einmal rechts.
„Früher warst du bestimmt mal ne Hübsche, wa?
Oder so ein richtig geiles Stück.“
Und ich denke: Ach, Frau Krause,
wenn du nur wüsstest.
Sie richtet sich auf,
streicht sich eine graue Strähne aus dem Gesicht
und betrachtet mich,
als würde sie wirklich etwas sehen.
Ich strenge mich an,
so sehr ein Sofa sich eben anstrengen kann,
und lasse eine Feder quietschen,
ganz leise.
An einer Seite sinke ich ein wenig ein.
Ein Zeichen.
Ich schreie: „Hör mich,
bitte,
hör mich.
Ich war mal ein Mensch
und bin von einem Dschinn verzaubert worden.
Bitte hilf mir!“
Frau Krause lacht, schüttelt den Kopf,
tätschelt meine Lehne.
„Armes Ding“, sagt sie
und geht aus dem Raum.