Sehen

Das Sofa - Ds junge Paar

Tom Thomson

Ich werde nie müde,
mich darüber zu beschweren,
wie mein Schicksal aussieht.

Noch vor wenigen Wochen
konnte ich selbst entscheiden,
welcher Herr auf mir lag.

Jetzt bin ich nur ein Möbelstück,
ein Sofa,
verflucht von einem rachsüchtigen Djinn.

Seit einigen Tagen friste ich dieses Dasein
im Bordell,
und die Demütigung
nagt weiter an mir.

Dann ging eines Nachmittags
die Tür wieder auf,
und die Puffmutter Gisela
ließ ein sich leidenschaftlich
und wild küssendes Paar
ins Zimmer.

Beide warfen sich auf mich,
rissen sich die Kleider
vom Leib,
und es ging engagiert
zur Sache.

Dafür, dass die Dame
diesen Herrn erst vor fünf Minuten
kennengelernt hatte,
gab sie sich,
ich muss es sagen,
sehr motiviert.

Ich spürte das Gewicht,
die heftigen Bewegungen,
das Auf und Abhüpfen.

Und ich muss zugeben:
Der junge Herr
sah sehr ansehnlich aus.

Ich hätte es auch ohne Geld
mit ihm getrieben.

Wieso er glaubte, in ein Bordell gehen zu müssen,
um seinen Fleischeslüsten
nachzugehen,
erschloss sich mir nicht.

Aber gut — ich stecke ja nicht
in jedem Menschen.

Die Kleine schien ganz vernarrt in ihn zu sein,
und ich verglich sie
ein bisschen mit mir
und stellte fest:
Nein,
ich hätte besser ausgesehen.

Meine Brüste waren größer gewesen,
meine Hüften fraulicher,
ohne fett zu sein.

Diese Kleine hier war eher ein mageres Gestell
mit kleinen Brüsten
und dafür zwei recht großen Kirschen darauf.

Die wurden auch sehr heftig
vom jungen Mann geküsst,
gezutzelt und gesogen,
und die Kleine ging ab
wie ein Zöpfchen.

Am liebsten hätte ich
mitgemacht.
Einen Dreier.

Und ich merkte, wie die Erregung
in mir hochkam.

Aber auch diesmal —
und das war bitter —
konnte ich nicht
zu einem Orgasmus kommen.

Ich hörte die beiden stöhnen,
immer lauter,
immer wilder
und leidenschaftlicher.

Ich merkte, wie er sie stieß
und sie schrie
und er grunzte wie ein Schwein,
und ich begriff:

Gleich kommt es den beiden,
und nicht nur ihm —
die Kleine hatte ihren Spaß,
und der Orgasmus
war nicht vorgespielt.

Mir blieb nichts, als in den sauren Apfel
zu beißen.

Erregt, aber ohne Erlösung.

Das Einzige, was ich tun konnte,
um mir ein bisschen Genugtuung
zu verschaffen,
war,
eine Sprungfeder
etwas früher schnellen zu lassen —

wodurch der junge Mann
kurz aus dem Rhythmus kam
und fluchte.

Doch drei Sekunden später
ergoss er sich
in seine kleine Gefährtin
und brach ermattet
auf ihr zusammen.

Ich war frustriert,
aber auch ein bisschen stolz
auf meine kleine Sprungfeder-Rebellion —

und darauf, dass ich mich damit
doch ein wenig
in das einmischen konnte,
was auf mir geschieht.

Eine interessante Erkenntnis
an diesem Tag.

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