Sehen
Das Sofa - Gespräch mit der Standuhr
Jetzt stehe ich als Sofa in einem Boudoir im Grunewald und gebe mich meinen Gedanken hin. Ich habe gerade festgestellt, dass ich mich telepathisch mit anderen Gegenständen verständigen kann und muss dies erst einmal verarbeiten. Da werde ich meinerseits aus meinen Gedanken gerissen, denn die Standuhr fängt jetzt an, mich voll zu quatschen. Die Standuhr, der ich vor ein paar Minuten die Frage gestellt hatte, ob sie mich verstehen kann. Jetzt beschwert sich die Standuhr und sagt, sag mal, du hast mich gerade angesprochen und dann fängst du an zu schweigen. Was ist denn los? Und ich sage zur Standuhr, oh, Entschuldigung, aber ich war so überrascht, mit dir reden zu können, dass du mir antwortest, dass ich darüber erst einmal nachdenken muss. Wie sieht es denn aus? Bist du auch mal ein Mensch gewesen? Hat Rami dich auch verwandelt? Die Standuhr runzelt ein bisschen mit ihrem Ziffernblatt und sagt, nein, ich war nie ein Mensch. Aber weißt du, Möbelstücke sind nicht tot oder leblos. Wir haben unser eigenes Leben. Sogar die beiden Fliegen, die hier durch das Zimmer rumschwirren, haben eines und du kannst dich mit ihnen unterhalten. Ich kann mich mit Fliegen unterhalten, antwortete ich ein wenig überrascht. Ja, versuch es doch, sagte die Standuhr. Die eine ist ziemlich frech und die andere ein bisschen dämlich, aber antworten können sie beide. Rami hockt auf dem Klavier als Rauchsäule und lächelt vor sich hin. Dann habe ich also all die Jahre neben Möbelstücken verbracht und hätte mich mit ihnen unterhalten können, anstatt mich zu langweilen? Ja, ja, sagte die Standuhr, auf jeden Fall. Du hättest dich auch mit den gesamten Tieren, die durch die Wohnung krabbeln, unterhalten können. Es gibt zum Beispiel einen kleinen Holzwurm zu deinen Füßen, der in der Dielung wohnt. Ich bekomme einen Schreck. Was? Ein Holzwurm? Hier? Muss ich Angst haben, dass er auch anfängt, mich anzuknabbern? Ich bin schockiert. Ich möchte alles, aber kein Ungeziefer in mir beherbergen. Ach, der ist ganz harmlos, sagte die Standuhr. Er erschrickt sich immer, wenn auf deinen Federn heftig rumgevögelt wird. Dann denkt er immer, dass ein Erdbeben gerade stattfindet und er zieht den Kopf ein. Der Arme. Möchtest du dich mal mit ihm unterhalten? fragt die Standuhr. Ich wüsste nicht, was ich mit einem Holzwurm zu besprechen hätte, sage ich schnippisch und drehe mich demonstrativ weg. Ich sehe noch aus den Augenwinkeln, wie Rami grinst, in seiner Öllampe verschwindet und dann legt sich die Nacht auch auf dieses Haus im Grunewald.