Sehen

Das Sofa - Marlene kommt

Tom Thomson

Es ist ruhig. Frau Bohle und ihr Ehemann sind außer Haus. Ich genieße die Ruhe. Es geht mir niemand auf den Geist.
Ich bin ein verzauberter Mensch und lebe jetzt als Sofa, seit Jahren schon. Ein Geist war es – dieser besagte Rami –, der mich in dieses Möbelstück verwandelt hat. Ich kann trotzdem denken und fühlen, vor allem fühlen. Aber es gibt ein kleines Problem, das Sie noch früh genug erfahren werden.
Doch jetzt höre ich erst einmal die Tür knarren. Sie geht auf, und der Kopf von Frau Bohles Tochter schaut durch den Spalt und sieht: Die Luft ist rein. Durch die Gardinen schimmert das Tageslicht, es ist Sonntagnachmittag. Sie kommt ins Zimmer, jetzt ganz ohne Scheu, und sieht sich um. Sie berührt zärtlich die Möbelstücke und bleibt vor mir stehen, schaut mich an. Sie setzt sich auf mich, ein bisschen, um zu sehen, wie gut ich gepolstert bin. Nun, das bin ich tatsächlich. An Sprungfedern hatte ich mehr als genug – und ich habe mich schon manches Paar in den höchsten Himmel vögeln sehen.
Ich muss eine besondere erotische Gabe haben, denn auch Marlene fängt an, sich zu streicheln. Ich merke, dass sie das nicht zum ersten Mal tut, wahrscheinlich sonst in ihrem Zimmer. Aber es ist das erste Mal, dass sie es hier tut. Ich bemerke es an ihren vorsichtigen Handbewegungen, so, als fürchte sie, man könnte sie erwischen. Doch es ist niemand im Haus, auch die Haushälterin nicht. Marlene wird mutiger. Sie streift den Slip ab und zieht den Rock hoch.
Ich kann sie riechen, den duftenden Saft einer jungen Frau, die ihre ganze Sexualität noch vor sich hat. Sie reibt ihre Perle, die Feuchtigkeit quillt hervor. Das macht auch mich an. Ich war ja nicht nur ein Mensch, ich war eine Frau. Ich kenne das Gefühl, wie es ist, sich mit dem Finger selbst zu stimulieren. Erinnerungen kommen hoch, und weil ich zugleich eine leicht lesbische Ader habe, erregt es mich. Sie ist noch fast unberührt – und doch, ich glaube, sie rasiert sich, denn ich merke kleine Stoppeln auf dem Venushügel. Oh, sie hat es faustdick hinter den Ohren, sie weiß ganz genau, wo Barthel den Most holt.
In kreisenden Bewegungen arbeitet sich Marlene in den siebten Himmel. Und ach, ich fange an, mitzumachen, und bewege mich mit ihr. Ich hebe sie an und lasse sie nicht fallen. Ich beginne, vor Vergnügen zu quietschen. Und da – es kommt ihr.
Nur ich selbst, so sehr ich auch in Erregung gerate, bringe es nicht zustande. Es besorgt mich, dass ich keinen Orgasmus bekommen kann. Frigide kann man nicht sagen, aber eine Frau – nein, ein Möbelstück – mit Orgasmusschwierigkeiten. Ich bin deprimiert. Marlene zieht sich an, streichelt mich, als wüsste sie jetzt, dass ich etwas empfinde, und huscht aus dem Zimmer.

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