Sehen
Das Sofa - Marlene
Ich bin ein verzaubertes Sofa. War einmal ein Mensch, jetzt bin ich ein Möbelstück. Ich stehe im Boudoir eines noblen Hauses im Grunewald, und gerade hat die Hausherrin mit dem Hausherrn den Klavierlehrer vernascht. Sie haben es ziemlich lang und arg getrieben, auch relativ lautstark, und nun sind sie fertig, haben ihn hinauskomplimentiert, das Zimmer verlassen und sich ihrem weiteren Tagwerk gewidmet.
Ich stehe da, schaue mich ein bisschen um – und da merke ich, dass die Tür wieder geöffnet wird. Scheu blickt Marlene herein, die Tochter von Frau Bohle. Sie ist noch jung, aber alt genug, um zu wissen, was hier getrieben wird. Sie sieht, dass sie allein ist, schließt die Tür und schaut sich um. Sie setzt sich auf mich. Der Geruch von Sex liegt noch in der Luft, und ich glaube, sie kann ihn riechen. Und ich merke, wie ein wohliger Schauer durch ihren Körper geht. Ich glaube, sie stellt sich gerade vor, was hier geschehen ist. Und wahrscheinlich ist die Fantasie noch großartiger als das, was in der Realität passiert. Als es draußen knackt, schreckt sie auf und huscht aus dem Zimmer.
Als sie weg ist, schweige ich eine Weile, und dann höre ich Rami, wie er zu mir sagt: „Ein reizendes Töchterchen." Ich habe ihn lange nicht gehört. Rami ist der Geist, der in der Öllampe wohnt – der Geist, der mich in dieses Möbelstück verzaubert hat und der seit einiger Zeit mein Begleiter ist. Seit dem Auszug aus dem Bordell, als es geschlossen wurde, hatte ich ihn nicht mehr sprechen hören.
Ich sage zu ihm: „Bestimmt weiß sie, was hier geschehen ist." Und Rami sagt: „Oh ja, du kannst dir gar nicht vorstellen, was sie für eine Fantasie hat." Ich frage ihn, woher er das wisse. Und er antwortet: „Nun, ich kann Gedanken lesen. Ich kann in den Kopf von Menschen schauen und sehen, was dort vor sich geht." Ich frage ihn, ob er das auch bei mir könne. Er lächelt und sagt: „Kein Kommentar." Dann löst er sich in Rauch auf und verschwindet wieder in seiner Lampe.
Ich bin schockiert. Spioniert dieser Kerl mir also nach? Dringt er in meine intimsten Gedanken ein? Hat er das vorher vielleicht schon getan? Ich bin mir nicht sicher. Ich bin wütend. Ich bin sauer. Ich möchte meine Privatsphäre haben. Wenn ich schon als Möbelstück in einem Zimmer stehe, auf dem andere Leute vögeln, dann möchte ich wenigstens Privatsphäre in meinem Gehirn haben – so ich denn noch eins habe. Aber ich muss ja eins haben, sonst könnte ich nicht denken und empfinden.
Ich nehme mir vor, Rami auszuquetschen, was er über mich weiß. Und ich überlege mir, was ich tun kann, um zu verhindern, dass er jemals wieder in meinem Gehirn herumstöbert.