Sehen

Das Sofa - Nur ein kleiner Barbetrieb

Tom Thomson

Ich bin ein Sofa.
Früher war ich eine Frau —
ein Möbelstück bin ich nur,
weil ein Dschinn mich in eines verwandelt hat.

Inzwischen diene ich in einem Bordell als Bett
und habe gerade eine Polizeirazzia hinter mir.

Die Puffmutter Gisela kommt lautstark ins Zimmer
und stellt sich den drei Polizisten in den Weg,
die den einen armen Kunden abführen wollen.

Mit einem Auftreten,
das zugleich resolut und versöhnlich ist,
versucht sie, die Lage zu meistern.

Sie sieht den armen Tropf an,
dann die Polizisten,
und sagt:
„Meine Herren,
ich würde vorschlagen,
Sie entfernen diese Person aus meinem Etablissement,
und dann unterhalten wir uns noch einmal gesondert,
in aller Ruhe.“

„Natürlich, meine Dame“,
sagt der eine Polizist.

Sie schleifen den Kerl hinaus
und werfen ihn aus dem Bordell.

Anschließend kommen sie zurück
und bauen sich vor Madame Gisela auf.

Diese fragt: „Meine Herren,
können Sie mir sagen,
was Ihr Problem ist?“

Der eine Polizist tritt vor:
„Nun — Kuppelei, Prostitution.
Ich glaube, mehr brauche ich Ihnen nicht zu erklären.“

Madame Gisela blickt die drei an:
„Da irren Sie sich.
Wir sind ein kleiner Barbetrieb in der ersten Etage,
und diese Separés hier dienen nur als gemütlicher Rückzugsort,
um angenehm zu plaudern.
Hier wird doch niemand verkuppelt,
hier ist doch keine Prostitution im Gange.
Trauen Sie diesen jungen Mädchen,
die hier als Gesellschafterinnen den Herren
zur angenehmen Konversation dienen,
etwa zu,
dass bei ihnen unzüchtige Dinge geschehen?“

Sie ruft Mitzi und die anderen Mädchen heran
und verkuppelt —
ausgerechnet sie,
die jede Kuppelei bestreitet —
jeden Polizisten mit einer Dame.

„Überzeugen Sie sich, meine Herren“,
sagt sie,
und die Mädchen setzen sich mit den Polizisten auf mich
und fangen an zu plaudern.

Ich stöhne innerlich auf.

Da liege ich nun, das einzige Möbel im Raum,
das die ganze Wahrheit kennt,
und muss mit ansehen,
wie aus einem Bordell binnen einer Minute
ein Konversationssalon wird.

Drei Uniformen, drei Mädchen,
höfliches Geplauder über das Wetter —
und ich darunter,
die heimliche Zeugin von hundert Sünden.

Das kann doch gar nicht wahr sein,
denke ich.

Aber genau das ist es ja,
was ich gelernt habe,
seit ich ein Sofa bin:
Es kann immer noch absurder kommen.

Zugriffe gesamt: 6