Sehen
Das Sofa - Rami und die Gedanken
Falls ihr es noch nicht mitbekommen haben solltet: Ich bin ein Sofa und war einmal ein Mensch. Ich wurde von einem Geist namens Rami in eben dieses Möbelstück verwandelt, und seitdem verbringe ich meine Zeit in den verschiedensten Haushalten. Ich war in einem Bordell, jetzt bin ich im Grunewald in einem Boudoir, und es ist Abend.
Die Standuhr im Zimmer kichert leise vor sich hin, während sie einen Pendelschlag nach links und einen nach rechts macht. Bums – sie schlägt zwölfmal, und ich fahre hoch. Es ist Mitternacht, und Rami erscheint rauchend aus seiner Öllampe, materialisiert sich theatralisch neben mir und grinst mich an. „Na, du denkst so laut", sagt Rami und kichert. „Oder vielleicht auch nicht? Wer weiß das schon bei einem Sofa?"
Ich bin unsicher und frustriert. Ich überlege, ob ich gerade etwas gedacht habe oder ob ich doch geschlummert bin. Auch ein Sofa ist mal müde. Ich frage ihn wütend: „Sag die Wahrheit, kannst du meine Gedanken lesen?" Rami genießt es. Er lächelt, hebt bedauernd die Schultern. „Kann sein, kann nicht sein. Wäre es denn so schlimm, wenn ich's könnte?"
„Ja, natürlich wäre es schlimm", antworte ich aufgebracht. „Ich möchte hier ein wenig Privatsphäre haben. Wenn ich schon ein Sofa bin, auf dem jeder glaubt vögeln zu können, so möchte ich doch wenigstens irgendwo in Frieden meinen eigenen Gedanken nachhängen können, ohne zu wissen, dass irgendein Geist in ihnen herumspioniert."
Rami grinst wieder und sagt: „Na ja, es gibt einen Unterschied zwischen Möbelstücken und Menschen. Die große Frage ist die: Bist du jetzt eher ein Möbelstück, oder bist du noch eher ein Mensch?" Ich weiß darauf nichts zu antworten, denn ich bin unbestreitbar ein Möbelstück. Gleichzeitig aber habe ich Gedanken und Empfindungen wie ein Mensch.
Ich bin mir unsicher. Ich frage mich, ob er es vielleicht gar nicht kann und nur so tut, um mich ein bisschen zu ärgern und aus der Reserve zu locken. Und ich überlege, ob ich es vielleicht auch kann – ob ich in Ramis Gedanken eindringen kann. Denn immerhin bin ich jetzt irgendwo wie er. Ich bin unsterblich. Zumindest denke ich das – solange man mich nicht mit einer Axt in kleine Teile zerhackt und in einem Ofen verfeuert. Oh Gott, in diesem Augenblick wird mir schlecht, wenn ich nur daran denke, in Flammen aufzugehen.
Rami genießt dieses Spiel, und langsam verschwindet er wieder in der Lampe, ohne die Frage aufzulösen. Ich bleibe zurück – wütend darüber, dass es sein könnte, fragend, welche Fähigkeiten ich habe, und erschaudernd darüber, wie mein Ende aussehen könnte.