Sehen
Dating App Six
E ist blockiert.
Der 52-Jährige,
der sie mit seinem Satz
„Du stehst wohl auf jüngere Männer“
angefixt hatte.
Und der es dann einfach zu eilig hatte,
nicht einmal ihr verabredetes Date
abwarten konnte,
es absagte,
weil sie nicht schon drei Tage vorher
spontan Zeit hatte.
Nach drei Tagen Pausierung der App
trinkt Anna einen Gin Tonic,
macht ein Foto davon
und stellt es in ihr Profil.
Und schreibt an einen Herrn,
der ebenfalls ein Foto
von ein paar Drinks
als Profilbild hat.
„Prost mit Gin Tonic“
sendet sie ihm.
In der Annahme, dass er, 62,
sicher verheiratet
oder zumindest fest liiert sei,
weil er kein Foto von sich veröffentlicht.
Das käme ihr entgegen,
denn sie braucht ja einfach nur
einen Liebhaber.
Alles andere in ihrem Leben
ist abgedeckt.
Aber die ersten beiden Bewerber
waren offensichtlich einsam
und auf mehr aus,
so dass sie sich schon gestalkt fühlte,
bevor überhaupt etwas passiert war.
Der Drink-Mann meldet sich auch sofort
und sendet wie auch die anderen beiden vorher
sofort seine Handynummer.
Was soll’s, denkt Anna,
ich kann ihn ja später blockieren.
Sie gibt also seine Nummer
bei WhatsApp ein
und sofort erscheint er.
Mit Profilfoto, das sie schnell öffnet.
Ein breit grinsender Clown
mit einem rund um den Kopf abstehenden
grauen Haarkranz.
62? Der ist eher 72
und vermutlich Witwer.
Und so wie es bei Dating Apps der Trend ist,
ist sein Foto mit Sicherheit
mindestens zehn Jahre alt
und zeigt ihn wahrscheinlich
sehr vorteilhaft.
Und wenn das vorteilhaft ist,
was ist dann…Natürlich schreibt sie kein Wort,
löscht schnell das aufgerufene WhatsApp Profil
und drückt auch auf der App
schleunigst wieder auf Pausieren.
Da nützt auch der Gin Tonic nichts,
dieses „Match“
durch gegenseitiges Anlächeln
ist leider unpassend.
Und diesmal war sie wirklich
fast zu allem bereit.
Eigentlich müsste sie es ja wissen.
Schon ihre vergangenen Dating App Erfahrungen
brachten nicht einen einzigen Liebhaber hervor.
Da waren ja ihre Saunabesuche
wirklich ertragreicher,
klar,
gekauft wie gesehen
war eben doch besser.
Die Männer, die sich in diesem Online Supermarkt
anbieten mussten,
waren wohl doch ausrangierte Ware.
Und sie wusste, die meisten dachten genau dasselbe
von ihr.
Was für ein trauriges Liebesleben.