Sehen
Demetria
Mein Name ist Dimitria. Als vor Troja die griechische Flotte auftauchte, war ich zehn Jahre alt. Und die nächsten zehn Jahre sollte die Belagerung mich begleiten – meine erste Blutung, den ersten jungen Mann, der mir ein Lächeln schenkte, und immer mit dem griechischen Heer vor den Toren. Immer mit der Angst, es könnte der letzte Tag sein.
Aber keine Angst hält ewig. Irgendwann gewöhnt man sich an sie. Und man hört auf, daran zu denken, dass es einmal eine Zeit ohne Angst gab. Und so entsteht eine angstfreie Zeit der Angst. Die Bedrohung ist ständig da, und doch verdrängt man sie. Man arrangiert sich. Man lernt, damit zu leben. Es wird Alltag.
Es wurde Alltag, dass die Krieger auf den Zinnen standen und den Ansturm der Griechen abwehrten, die Tag für Tag gegen unsere Mauern prallten, so wie das Meer Welle um Welle an den Strand spült. Aber wir hielten stand. Und die Griechen verzweifelten. Wir sahen sie hungern. Manchmal zogen sie ab, und wir dachten, wir hätten Ruhe – aber sie waren nur weggezogen, um im Umland nach Essen zu suchen. Sie plünderten, sie brandschatzten, um an ein wenig Nahrung zu kommen. Doch viele Bauernhöfe waren da schon aufgegeben.
Wir hatten Glück: Wir lebten von unseren Vorräten, und Vorräte hatten wir genug. Wir hatten tiefe Brunnen, aus denen ständig frisches Wasser emporquoll. Wir mussten keinen Hunger leiden. Es war nicht viel, was wir zu essen hatten, es war streng rationiert, aber es reichte zum Leben. Es reichte, um groß zu werden. Es reichte, um jeden Tag den Göttern zu danken, dass wir überlebt hatten.
Und dann kam der Tag, an dem mein Vater mir sagte, dass er einen Mann für mich ausgesucht habe. Einen stolzen Krieger, der die Stadt mit Ehre erfüllte, weil er gegen die Griechen kämpfte und uns vor dem Untergang bewahrte. Unsere Stadt ist nicht groß, so viele junge Männer gibt es nicht. Und ich war erfreut, als ich seinen Namen erfuhr. Aber es waren keine guten Zeiten: Kaum hatte ich gehört, dass ich vermählt werden sollte, da starb er auf den Zinnen, getroffen vom Pfeil eines Griechen.
Und dann hieß es plötzlich, sie seien abgezogen, sie hätten aufgegeben, sie hätten ein hölzernes Pferd zurückgelassen, als Zeichen unseres Triumphes. Ich war neugierig, und ich bin auch hingegangen und habe mir das hölzerne Pferd angeschaut. Es war seit langer Zeit das erste Mal, dass ich die Stadt verlassen und vor die Mauern treten konnte. Uns Frauen war das streng verboten. Ich sah, wie die Männer das Pferd in die Stadt zogen, begeistert darüber, dass der Krieg vorbei war. Ich sah, wie eine Seherin warnte und sagte, es sei nicht gut, wenn das Pferd in die Stadt komme; das gebe nur Unheil. „Ach, Kassandra", sagten alle, „hör auf zu unken. Dies ist das Zeichen des Sieges."
Aber Kassandra sollte recht behalten. In der Nacht schlüpften aus dem Pferd genug Krieger, um die Stadt von innen zu erobern. Sie überwältigten die Wachen, öffneten die Tore, und dann brach eine riesige Welle griechischer Männer über die Stadt herein und verschlang uns wie ein Tsunami. Und auch ich starb in dieser Nacht und traf dann im Hades meinen Verlobten wieder.