Sehen

Der angehende Gynäkologe

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Ich werde wahrscheinlich Allgemeinmediziner,
so viel steht fest.

Da werde ich selbst auch mehr
und näher mit den Patienten zusammenkommen
und dabei nicht so oberflächliche Beziehungen haben,
wie es bei Fachärzten der Fall ist.

Wolfgang will jedoch unbedingt Gynäkologe werden.

Wir sind jetzt schon seit über
15 Jahren beste Freunde,
und ich kenne Wolfgang wirklich gut,
aber diese Nachricht hat mich doch
stutzig gemacht.

Er ist,
was Frauen

vor allem junge Frauen betrifft

sowas von schüchtern und befangen.

Wenn wir mit unseren Jungs um
die Häuser ziehen,
dann ist es Wolfgang,
der,
wenn wir auf junge Frauen stoßen,
der Allerzurückhaltendste ist.

Aber Gynäkologe.

Frauenarzt.

Was denkt er sich bloß dabei?

Glaubt er wirklich,
durch solch ein Studium

und später in der Praxis

seine Schüchternheit,
oder sein Unvermögen im Umgang mit Frauen,
lockern oder ausmerzen zu können?

Armer Wolfgang.

Oder steckt hier etwas ganz anderes dahinter?

Ob ich ihn mal befragen soll?

Klar werde ich das.

Aber diskret.

Vielleicht öffnet er sich ein wenig,
und er plaudert mir etwas über
seine Wünsche
und Sehnsüchte,
in Bezug auf Frauen.

Hm…

Oder steckt da was Verstecktes hinter?

So was Bizarres oder Perverses?

Also wenn ich mir vorstellte,
meinen Berufsalltag damit zu verbringen,
täglich vielfach in Muschis schauen zu müssen,
darin rumzuwerkeln und weißichnichtwas weiter anzustellen.

Und ihm müßte
das doch auch klar sein,
daß da nicht nur junge Frauen

und Frauen
die gut gebaut
und gutaussehend sind,
antreten.

Er müßte doch ebenso wie ich klarhaben,
daß da der Großteil unattraktiv daherkommt

ältere Frauen,
richtig alte Frauen,
dicke Frauen,
übelriechende Frauen,
Frauen mit grauslichen Geschlechtskrankheiten und und und…

Nee Wolfgang,
da tust du dir bestimmt keinen
Gefallen mit.

Laß uns erstmal unser Medizinstudium durchziehen
und im Verlauf des Ganzen nochmal grundüberlegen.

Wir stehen ja erst im zweiten Semester.

Aber nein,
Herr Wolfgang hat sich schon festgelegt.

Naja,
andererseits…
wenn ich so gewisse Frauen mir
denke… die,
die ich wohl niemals nackt…
oder
die niemals sich mit mir… abgeben würden…
und
wenn ich solche dann auch vor
meine Linse bekäme…
und so ganz salopp sagen könnte:
„Machen Sie sich schonmal frei…!“

Ja und wenn solche dann

ich denke gerade an die hochnäsige Friederike
–,
die aus
der Neunten… also
wenn die… dann vor mir blankziehen müßte,
und dann hoch auf den gewissen
Stuhl ihre Beine spreizen
und mich da tief reinschauen lassen müßte…
das wäre allerdings was ganz besonders Feines…

Ich würde ihre Brüste liebend gern abtasten…
und sie so nebenbei

von hinten am besten

ganz nah mit der Nase beriechen…

Oh,
das wäre schon was!

Und allein
das Aus-
und Anziehen würde ich schon genießen…!

Ach Wolfgang,
weißt du… ich glaube,
ich verstehe dich jetzt ein wenig besser.

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