Sehen
Der Autor ist anwesend, anwesend und hellwach
und deshalb schrieb er ein Buch
über sie.
Er mußte sich über einiges klar werden,
und auf diese Weise wird´s besser gehen –,
so dachte er.
Außerdem wollte er die gesamte Liaison
mit ihr ein für allemal damit abschließen.
Er schrieb offen und ehrlich,
er nahm in den Beschreibungen auch keine Rücksicht
auf sich selbst –
wenn er Szenen beschrieb,
in dem er moralisch nicht so gut dabei wegkam.
Jedoch überwiegten bei weitem
ihre charakterlichen Fiesheiten,
vor allem ihre sexuellen Ausschweifungen
die sie außerhalb ihrer beiderseitigen Beziehung
noch betrieb.
Das waren insbesondere ihre Ausflüge
in die Welt des Sadomasochismus.
In dieser Welt fühlte sie sich wie zuhause
und er sollte sich dort auch heimisch fühlen.
So bat sie ihn eines Tages,
sie einmal dorthin zu begleiten.
Er war so verliebt in sie,
daß er unbefangen zusagte,
ohne zu ahnen, was dort auf ihn wartete.
Es wartete dort eine Art Schock auf ihn.
Es war natürlich ein SM-Club in Berlin,
das sie seit langem in unregelmäßigen Abständen besuchte,
und unterschiedliche männliche Begleiter mitnahm.
Einen dieser Begleiter trafen sie an dem Tag,
an dem sie mit ihm das erste Mal
dieses Etablissement besuchte.
Dieser alte Begleiter war schon Teil des Schocks
den er in diesem Club erlitt.
Es handelte sich um einen deutlich älteren Mann,
der nicht nur finster und brutal aussah,
sondern in einem Umgangston mit ihr kommunizierte,
den man sonst nur aus Genrefilmen kannte,
die nur in die untersten Schubladen zu finden sind.
Dieser erste von nur drei Besuchen im selbigen Club,
war zugleich der schockierendste.
Für ihn ein Neuland,
das er freiwillig niemals betreten hätte,
würde sie ihn nicht dazu gebeten haben.
Was er hier ansichtig wurde,
verdarb ihm seine romantischen Gedanken und Gefühle
in Sachen Erotik, Sex und Verliebtheit.
Nach dem dritten Besuch bestand sie von sich aus
nicht mehr darauf, daß er sie hierhin begleiten möchte.
Doch auch andere Ausflüge,
in andere erotische Gefilde,
leistete sie sich ohne ihn zu fragen,
ohne ihn darüber zuvor zu unterrichten,
und erst im Nachhinein,
erzählte sie ihm unverblümt und in allen Details,
ihre sexuellen Abenteuer.
Was es mit ihm machte,
konnte er erst im Verlauf der nächsten Monate
bei sich spüren,
denn nach außen hin zeigte er sich absolut tolerant –
was für sie eine Grundvoraussetzung darstellte,
mit ihm weiterhin eine feste Beziehung zu pflegen.
Ihre offenkundige Promiskuität war schließlich
der Auslöser für ihn,
sich von ihr zu trennen –,
und doch fiel es ihm äußerst schwer
diesen Schritt in die Tat umzusetzen.
Als er es ihr gestand,
war sie weder überrascht,
noch enttäuscht.
Sie wünschte ihm alles Gute
auf seinem weiteren Lebensweg.
Das war alles.
Er war erschüttert.
Dabei sah sie nicht einmal hübsch aus.
Nein, durchaus nicht.
Was er von ihr zurückbehielt,
war der Stoff für ein Buch über sie.
Über sie und ihre Beziehung zu ihm –
und all den anderen Männern.
Er war hellwach.