Sehen

Der falsche Mann

Claudia Carl

Sie stehen am Handlauf
auf dem Weg runter
zur U-Bahn.

Sie lehnt an dem kühlen Rohr,
mit ihrem Hintern.

Er steht vor ihr, ein Ausbund an Attraktivität.

Er ist groß, hat breite Schultern,
trägt eine etwas abgetragene Lederjacke,
die seine Schultern betont
und bis über seinen Hintern reicht.

Er wirkt ein bisschen verkommen,
aber das betont seine Männlichkeit,
er könnte alles sein
zwischen 40 und 50.

Und sie, vielleicht 28 Jahre alt,
ist ihm verfallen.

Das sehe ich doch von hier,
auf meinem Sitzplatz
auf dem quergelegten Maibaum
am Kiosk nahe der Isar.

Hier hat man mit einem Bier in der Hand
den besten Ausblick
auf die Menschen,
die aus der U Bahn strömen,

bepackt mit Taschen
und Wägelchen
und Kisten voller Essen und Bier,
um sich in der Sonne zu entspannen.

Familien mit Kindern,
Freundesgruppen.

Die einen kommen erst an,
wollen noch den Nachmittag nutzen.

Die anderen sind schon auf dem Heimweg.

So wie er und sie.

Sie trägt ein Bündel in den Händen,
ein zusammengerollter Schlafsack.

Vermutlich war sie am Flaucher,
am FKK Strand,
hat sich dort
auf der Kiesinsel nackt ausgestreckt,
sich von der Sonne streicheln lassen.

Und dann ist ihr Blick
auf ihn gefallen.

Der ganz alleine da lag,
nahe am Wasser,
und nah genug an ihr,
um seine Vibes zu senden.

So lagen sie vermutlich
seit 11 Uhr morgens da,
tranken jeder sein mitgebrachtes Bier,
warfen Blicke hin und her
und spürten,
dass da was war.

Er hatte nichts dabei,
nur sein Kleiderbündel,
zwei Flaschen Augustiner,
und genug Zigaretten.

Sie spielte am Handy
und machte heimlich ein Foto von ihm.

Schließlich kam er aus dem Wasserfall,
eine Abkühlung im April,
für die es eigentlich noch zu kalt war,
und er schüttelte mit Absicht
ein paar Tropfen
auf ihren nackten Bauch.

Dann rückte er mit seinem Handtuch näher,
und sie glaubte,
es beginne ein neues Leben.

Der sonnige Tag war wunderbar,
bis gegen 15.30 Uhr.

Dann begann er, sich anzuziehen.

Sie sah es traurig.

Magst noch ein Bier?
fragte er.

Klar, ihre Hoffnung war wieder geweckt.

Sie zogen sich an und er sah in seiner Kleidung
noch viel besser aus als nackt.

Sie dagegen wirkte in Jeans und T Shirt
leider weniger sexy.

Dafür schenkte sie ihm sein Lächeln
und sie gingen
zum Schinderstadl Kiosk,
auf noch ein, zwei Bier.

Dann der gemeinsame Aufbruch,
so gegen 16.15 Uhr.

Wo wer wohnte, wurde nicht angesprochen.

Ob sie noch etwas vorhätten
an diesem Tag,
wurde nicht erwähnt.

All das schwang einfach zwischen ihnen
als unausgesprochene Möglichkeiten.

Dann betraten sie den Weg runter zur U-Bahn.

Und plötzlich blieb er stehen.

Er drückte sie gegen das Geländer
und sein Gesicht näherte sich ihrem.

Er stand frontal zu ihr,
in Fickposition.

Sie wollte schon dahinschmelzen.

Doch es kam nicht zum Kuss,
und die Frontalposition
war schon wieder vorbei.

Er stellte sich unverhofft neben sie,
aber in Richtung Geländer,
mit den Händen dort festgehalten.

Und er redete.

Vermutlich redete er
über total unerotische Dinge.

Vielleicht über die Benzinpreise
und die Bürgermeisterwahl.

Über Dinge, die die Frau absolut null interessierten,
denn sie wollte nur eins:
seine Liebe.

Ganz kurz positionierte er sich wieder frontal,
ihre Hand legte sich sanft
auf seinen Brustkorb,
streichelte sein Gesicht.

Schon stand er wieder auf Abstand.

Ihr Füße trippelten nervös. Lass ihn gehen,
wollte man rufen.

Gib dich ihm nicht hin.

Er wird dich nicht lieben.

Im nächsten Augenblick
waren sie verschwunden.

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