Sehen
Der Große Friedhofs-Varietéabend
Der Conférence betritt die Bühne.
Frack, Zylinder,
ein Bein etwas kürzer als das andere.
Er hebt langsam die Hand.
Er wartet.
Er wartet noch länger.
Er räuspert sich – einmal, zweimal.
Dann, mit einer Stimme,
die keinen Widerspruch duldet:
CONFÉRENCE: Meine Damen.
Meine Herren.
Setzen Sie sich.
Halten Sie das Maul.
Ich möchte Ruhe.
Er lächelt. Friedhofsruhe.
Er kichert – kurz, trocken, unheimlich.
Dann ist es still.
Was seid ihr für lebendige Leichen –
nehmt Euch ein Beispiel an den Toten,
ganz ohne Skrupel liegen sie auf dem Friedhof.
Keine Ausreden.
Keine Verspätungen.
Die Toten kommen immer pünktlich an.
Willkommen, willkommen –
zum Großen Friedhofs-Varietéabend!
Einlass für alle –
auch für jene, die noch nicht ganz da sind.
Der Rest von Ihnen kommt nach.
Er kommt immer nach.
Der Conférence steigt von der Bühne.
Er schlendert durch den Saal,
die Hände auf dem Rücken,
als besichtige er eine Ausstellung.
Er bleibt an einem Tisch stehen.
Vor ihm sitzt ein dicker Mann.
Der Conférence schaut ihn an.
Lange.
Von oben bis unten.
Wieder von oben.
Er bleibt bei der Mitte stehen.
Er sagt nichts. Er schaut nur.
Komm, lass mich tanzen einen Flamenco
mit einem spanischen Gerippe –
Woran bist Du gestorben?
An der spanischen Grippe!
Was für ein Tod!
Er geht weiter. Nächster Tisch.
Ein dürres Männchen mit Halbglatze sitzt dort,
als wolle es möglichst wenig Platz einnehmen.
Der Conférence legt ihm eine Hand auf die Halbglatze –
väterlich, fast zärtlich –
und lässt sie einfach dort liegen,
während er spricht.
Komm, lass mich tanzen einen Cancan
mit einem französischen Gerippe –
Woran bist Du gestorben?
An der Philosophie!
Ich dachte, also war ich –
dann dachte ich zu viel.
Was für ein Tod!
Die Hand bleibt noch einen Moment auf der Glatze.
Dann geht er.
Dritter Tisch.
Eine dicke Frau sitzt dort,
aufrecht, würdevoll.
Der Conférence stellt sich direkt vor sie.
Nicht neben sie – vor sie.
Er verschränkt die Arme.
Er schaut sie an.
Sie schaut zurück.
Er schaut weiter.
Komm, lass mich tanzen einen Walzer
mit einem Wiener Gerippe –
Woran bist Du gestorben?
An der Gemütlichkeit!
Ich saß so lang im Kaffeehaus,
bis niemand mehr fragte, ob ich noch lebe.
Was für ein Tod!
Er verbeugt sich knapp –
sie hat gewonnen, er weiß es –
und geht zum letzten Tisch.
Dort sitzt ein Casanova,
Haar nach hinten gekämmt,
selbstzufrieden.
Neben ihm eine attraktive, dralle Frau
mit großem Busen.
Der Conférence ignoriert den Casanova vollständig.
Er schaut die Frau an.
Er lächelt.
Er schaut den Casanova an.
Er schaut wieder die Frau an.
Er seufzt – tief, ehrlich, resigniert –
und spricht:
Komm, lass mich tanzen einen Tango
mit einem argentinischen Gerippe –
Woran bist Du gestorben?
An der Leidenschaft!
Sie liebte mich, ich liebte sie –
wir liebten uns zu Tode.
Sie war schneller.
Ich bin nachgekommen.
Was für ein Tod!
Er schaut den Casanova an.
Dann die Frau.
Dann tippt er dem Casanova mit dem Finger auf die Schulter
und zeigt nach oben –
irgendwo hin, wo es keiner genau weiß.
Er zwinkert der Frau zu.
Dann dreht er sich um und geht –
tanzend, einen imaginären Tango
mit einem imaginären Gerippe –
zurück auf die Bühne.
Er dreht sich um. Er räuspert sich.
Was seid ihr für lebendige Leichen –
die Toten tanzen ohne Scham,
ohne Termin,
ohne Grund,
ohne wiederzukommen.
Wir tanzen auch. Aus Gewohnheit.
Oder weil wir den Abgang verpasst haben.
Er hält inne. Er schaut ins Publikum.
Woran sind Sie gestorben?
(Pause)
Noch nicht?
Er lächelt.
Zylinder ab.
Dann kommen Sie nächste Woche wieder.
Wir haben Plätze frei.
Viele Plätze.
Er geht ab. Langsam.
Ein Bein kürzer als das andere.