Sehen

Der liebe Wolf und das Rotkäppchen

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Es war einmal ein kleines Mädchen das ein rotes Käppchen auf ihrem Kopfe trug. Eines Tages, als es schon über 18 Jahre alt war, ging es mit ihrem Körbchen allein durch den Wald. Im Körbchen befand sich ein Kuchen und eine Flasche roten Weines für ihre Großmutter, die ein paar Kilometer weiter, hinter dem Wald ein kleines Häuschen allein bewohnte. Unterwegs begegnete das Rotkäppchen einem Wolf. Zunächst erschrak es, weil der Wolf groß und düster ausschaute, aber als er zu sprechen begann, hielt sie inne und hörte dem Wolf zu: „Liebes Kind, ich bin kein Wolf, sondern ein verwunschener Prinz –, und als mich eine böse Fee in einen Wolf verwandelte, da war ich ein hübscher junger Mann – und das ist noch nicht so lange her.“ – „Aber was willst du von mir, Wolf, willst du mich fressen?“ – „Oh nein, mein liebes Kind, ich möchte, daß du mich erlöst!“ – „Aber wie soll ich das anstellen, ich bin doch nur ein unerfahrenes Mädchen.“ – „Ich werde es dir sagen, mein Kind. Es ist nämlich so. Am Tage, als mich die böse Fee in einen Wolf verwandelte, wollte diese, daß ich mit ihr schlafe. Doch die Fee war eine unansehnliche, ältere Frau die mir für so etwas gar nicht gefallen mochte und ich sagte ihr, daß ich das unter keinen Umständen wolle. Daraufhin wurde sie zornig und verwünschte mich in einen Wolf. Jetzt ist es aber so, daß ich mit Sicherheit herausgefunden habe, wie ich wieder in meine ursprüngliche Gestalt – in einen jungen hübschen Prinzen –, zurückverwandelt werden kann. Ich muß dazu nur mit einer Jungfrau schlafen. Du bist doch noch Jungfrau, oder?“ – „Oh ja, ganz bestimmt bin ich das, aber der Gedanke mit dir, Wolf – macht mich bange… Ich glaube ich will das nicht.“ – „Mein süßes Kind, es dauert doch nur wenige Minuten, und dann hast du einen hübschen jungen Prinzen in deinen Armen, der dich aus Dankbarkeit sofort zur Frau nehmen wird!“ – Hm, dachte da das Rotkäppchen, kein so schlechtes Angebot, doch der Gedanke an… ließ sie dann doch erschauern. „Und wird es mir denn wehtun, Wolf? Mir graut´s nämlich davor.“ – „Nein nein, ich mach´s ganz vorsichtig, es wird dir am Ende sogar gefallen, das verspreche ich dir.“ – „Nun gut, ich will´s tun.“ Das Rotkäppchen hatte nämlich schon das Bild vor Augen, wie sie die Braut eines Prinzen ist – in einem langen kostbaren Kleid und einer Krone, statt ihres roten Käppchens auf ihrem Kopfe. Und so kniete sich das Rotkäppchen auf alle Viere hin, hob ihr Röckchen, zog sich den Schlüpfer ein wenig herunter, und ließ den Wolf machen. Doch nach Vollzug dessen, was sie besprochen, hörte sie hinter sich ein feistes Grinsen, und als sie sich umkehrte zu dem vermeintlichen Prinzen, war das kein junger hübscher Prinz, sondern ein alter unansehnlicher Räuberhauptmann, der gerade aufstand und seine lederne Hose hochzog. „Hey Mädchen, ich danke dir, du wirst jetzt meine Räuberbraut werden!“ Und er lachte ihr höhnisch ins Gesicht. Da ward es dem Rotkäppchen aber übel geschehen, und sie bereute sehr, daß sie den Worten eines Wolfes vertraut hatte. – Und wenn sie nicht gestorben sind… ja, und die Moral…?

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