Sehen

Der Ruf nach Koffein

Luiz Goldberg

Der Wecker schreit,
mein Schädel pocht,
und tief in mir brüllt eine Stimme,
die klingt wie ein entfesselter Espresso-Junkie:
Koffein! Koffein! Sofort! Jetzt!
Sonst sterbe ich!

Ich taste nach der Dose.
Leer.

Die Tüte neben der Maschine?
Ein trauriges, zerknittertes Nichts.

Selbst die Notfall-Schublade
mit den alten Filtertüten aus 2019
lacht mich aus.

Kein Krümel.
Kein Tropfen.
Nur das hohle Echo meiner Sucht.

Panik steigt hoch
wie Dampf aus einem leeren Siebträger.

Ich wohnte früher in der Stadt,
da war um vier Uhr morgens
noch irgendwo ein Späti offen,
ein Vietnamese mit Neonlicht
und einem Barista,
der aussah, als hätte er selbst seit drei Tagen nicht geschlafen,
aber er hatte Kaffee.
Immer.

Hier?
In diesem verfluchten 2000-Seelen-Kaff
irgendwo zwischen Kuhweide und Kreisverkehr?

Die letzte Tanke macht um 20 Uhr dicht,
der Bäcker öffnet erst um sechs,
und der einzige Automat am Bahnhof
spuckt seit Monaten nur noch „Technischer Defekt“.

Scheiß Nest!
Scheiß Nest!
Scheiß Nest!

Ich stelle mich ans Fenster
und starre in die Dunkelheit.

Irgendwo bellt ein Hund.
Eine Katze miaut.
Kein Mensch. Keine Lichter.

Nur das leise Ticken der Uhr,
das klingt wie ein Countdown
bis zu meinem nervlichen Zusammenbruch.

Ich überlege ernsthaft,
ob ich die vier Kilometer zum nächsten 24-Stunden-Supermarkt
laufen soll.
Barfuß. Im Schlafanzug.
Mit einer Taschenlampe aus dem Jahr 1998.

Vielleicht treffe ich unterwegs
einen anderen Koffein-Zombie,
wir gründen einen Geheimbund,
nennen uns „Die Trembler“
und schwören,
nie wieder in ein Dorf zu ziehen,
in dem selbst die Kühe koffeinfrei leben.

Meine Hände zittern.
Der Puls hämmert in den Schläfen.

Ich schmecke schon den Phantom-Kaffee,
diesen imaginären, bitter-süßen Lebenssaft,
der mir gleich durch die Adern rauschen wird,
sobald… ja, sobald was eigentlich?

Hier gibt’s nichts.
Gar nichts.

Nur mich, meine Entzugserscheinungen
und die Gewissheit,
dass in diesem Moment
irgendwo in Berlin ein Typ
gemütlich seinen dritten Flat White schlürft,
während ich hier langsam verrecke.

Ich sinke auf den Küchenboden,
umklammere die leere Dose
wie einen verlorenen Geliebten
und flüstere heiser:

„Morgen… morgen kaufe ich zehn Kilo.
Lagere sie ein wie ein Prepper.
Baue einen Bunker.
Nur für Bohnen.
Und eine Mühle mit Handkurbel für den Weltuntergang.“

Bis dahin bleibt nur eins:
leiden. Zittern. Fluchen.

Und den Sonnenaufgang verfluchen,
der viel zu langsam kommt,
während mein Körper schreit:
Koffein, Koffein, Koffein…

und dieses verdammte Nest
schläft weiter,
als gäb’s auf der Welt
nichts Wichtigeres als erholsamen Schlaf.

Scheiß Nest.

Zugriffe gesamt: 15