Sehen
Der Sommermann
Männer fangen im Sommer an zu schwärmen.
Von weiblicher Bekleidung,
die weniger wird,
und Dinge sehen lässt,
die Männerherzen erfreuen.
Rundungen, Ausbuchtungen,
aus Blusen fallende Fleischmassen,
sichtbare Spitzen unter Röcken.
Ich frage mich, warum ich nicht in Schwärmereien
angesichts der männlichen Körper
rundherum verfalle.
Ich mag doch Männer.
Ich liebe Männer.
Aber anscheinend dringen sie bei mir
mit ihrem Sex Appeal
nicht durch meine Augen ein.
Das kann doch nicht sein.
Ich mache mich auf,
um die visuellen Wirkungen
männlicher Wesen auf mich zu testen.
Zu entdecken. Zu ermöglichen.
In München ist das Tambosi
im Hofgarten ein guter Ort,
um High Class Männer zu besichtigen.
Zwar blendet die Sonne ein bisschen
an dem kleinen Tisch,
aber ich sitze ganz am Rand
und habe den Überblick.
Männliche Sommerkörper gibt es hier durchaus.
Da wäre der Kellner
mit dem schwarzen Poloshirt,
das im Eifer des Gefechts hochrutscht
über seinen speckigen Bauch.
Auch seine festen Unterarme liegen frei,
mit denen er leere Gläser
von den Tischen räumt.
Er bekommt Pluspunkte,
aber nicht wegen sexy nackter Haut,
sondern weil er lustig ist
und nett
und mich an einen der besten Tische führt.
Auch seine frisch geschorene Frisur
ist ein Hingucker.
Erotische Anwandlungen löst auch sie
allerdings nicht aus.
Dann wäre da der Mann am Nebentisch.
In seiner Stimme möchte ich versinken,
mich von ihr streicheln lassen,
verwöhnen,
zur sündhaft teuren Pizza einladen lassen,
die er heute aber seinem Freund spendiert.
Er hat so ein fürsorgliches Timbre,
etwas Einhüllendes,
Beschützendes.
Ein paar Tische weiter
ein Blick-Mann.
Neben ihm vermutlich seine Frau,
wobei seine Augen
eine andere Sprache sprechen.
Diese Blicke könnten mich verführen,
ich würde ihrer Intensität erliegen,
einfach weil sie mir gelten,
weil sie mich meinen,
weil ich ihm auffalle.
Der Garten ist voll,
die Sonne blinkt.
Aber keine rein körperliche Eigenart
löst etwas in mir aus.
Die Männer müssten reden,
mit mir reden,
auf mich einreden,
mir Komplimente machen.
Kein Begehren ohne Interaktion.
Ihre bloße Erscheinung lässt mich kalt.
Doch dann in der U-Bahn.
Im Vorübergehen, in höchstens ein paar Sekunden,
sehe ich eine Sommerhose.
Teuer, edel,
aus dünnem Stoff.
Der Träger hat beide Hände tief
in die Taschen gesteckt,
so dass der Teil mit dem Reißverschluss sich
in der Mitte bäumt.
Nur leicht, ohne etwas abzubilden.
Der Mann ist in sich versunken,
schaut nach unten.
Er hat eine spitze Nase
und seine äußere Erscheinung gerade komplett vergessen.
Wo er seine Finger hat.
Dass er gerade sein feines Beinkleid zerknittert.
Und dass er eine Ahnung aussendet
von dem,
was sich unter der sommerlichen Bekleidung tut.