Sehen
Der Stilberater
Ich bin Stilberater.
Ich habe zweihunderttausend Follower
auf Instagram
und nochmal so viele
auf YouTube.
Meine Videos heißen:
Wie du mit dem richtigen Hemd
jede Frau bekommst.
Oder:
Fünf Fehler,
die dich wie einen Verlierer
aussehen lassen.
Oder:
Das Taschentuch im Sakko –
Kunst oder Kitsch?
Das Fernsehen rief an.
Ein Redakteur,
der sich sehr
für meinen Esprit interessierte,
lud mich
in eine Talkshow ein.
Ich erschien im anthrazitfarbenen Zweireiher,
cremefarbenes Einstecktuch,
Schuhe gewichst
bis zur Selbstverleugnung.
Die Moderatorin sagte,
ich sei der eleganteste Mann,
den sie je interviewt habe.
Ich lächelte bescheiden
und dankte ihr
mit einer kleinen Verbeugung.
Nach der Aufzeichnung
gingen wir essen.
Ein sehr gutes Restaurant
in der Innenstadt.
Der Redakteur, die Moderatorin,
zwei Assistentinnen
und ich.
Man beobachtete mich
beim Essen.
Das tue ich immer gerne,
ich bin daran gewöhnt.
Ich nahm die Gabel so,
wie man eine Gabel nimmt.
Ich tupfte mir den Mund ab,
wie man sich den Mund abtupft.
Ich trank den Wein,
als wäre der Wein
eigens für mich gekeltert worden,
was er natürlich nicht war,
aber das ist eine Frage der Haltung.
Der Redakteur sagte,
ich hätte Stil.
Die Moderatorin sagte,
ich hätte Esprit.
Eine der Assistentinnen sagte nichts,
aber sie schaute mich an,
auf eine Weise,
die ich kenne
und zu schätzen weiß.
Wir sprachen über Manieren.
Über das Aussterben des Kavaliers.
Über die Tragödie der Jogginghose
in der Öffentlichkeit.
Ich hielt einen kleinen
improvisierten Vortrag.
Man hörte mir zu. Man nickte.
Der Redakteur unterschrieb
auf einer Serviette
die Eckpunkte eines Vertrags,
weil er so begeistert war,
dass es nicht bis zum nächsten Tag
warten konnte.
Ich fuhr nach Hause.
Ich schloss die Tür.
Ich zog den Zweireiher aus
und hängte ihn auf.
Ich stellte die Schuhe ins Regal.
Ich öffnete den Kühlschrank
und aß kalten Reis
mit den Händen.
Dann ließ ich einen fahren.
Einen langen, gedehnten
und ich glaube,
knapp am feuchten Ende vorbei.
Ich ließ mich auf die Couch fallen
und furzte noch einmal,
zur Bestätigung.
Ich trank Bier, direkt aus der Flasche,
und zwar mehrere.
Ich aß Chips, die ich mir in den Mund schüttete,
weil das schneller geht.
Ich kippte das Glas um
und ließ es liegen.
Später kochte ich. Ich koche gerne allein,
weil ich dabei kiffen kann.
Das tue ich.
Der Rauch hing in der Küche
und ich rührte irgendwas um,
dass keine besondere Aufmerksamkeit verdiente.
Danach kokste ich ein bisschen,
weil der Abend noch nicht vorbei war.
Ich saß auf dem Boden,
lehnte gegen die Couch
und ließ den Fernseher laufen.
Irgendwann musste ich kotzen.
Ich kam nicht rechtzeitig ins Bad.
Das ist mir unangenehm,
aber nur kurz.
Ich wichste mir einen auf
ein paar weibliche Prominente,
die ich nicht nennen darf,
ich will ja nicht verklagt werden.
Bringt zwar Reichweite,
verjagt aber Sponsoren.
Dann schlief ich ein.
Am nächsten Morgen stand ich auf,
duschte,
steckte das Einstecktuch
in die Brusttasche,
und drehte ein Video.
Titel: Wie du beim Essen immer
einen souveränen Eindruck machst.
Es hat bis heute vierhundertzwanzigtausend Aufrufe.