Sehen

Der Wolf und die sieben Geißlein - Die Alkoholiker-Variante

Peter Muschke

Es lebte eine Geiß. Sie hatte sieben Geißlein. Eines Tages musste sie das Haus verlassen.
„Lasst niemanden herein", sagte die Geiß. „Besonders nicht den Wolf. Der Wolf ist böse."
Die Geißlein nickten. Sie hatten es verstanden.
Der Wolf kam. Er klopfte. Die Geißlein schauten durch den Türspalt und sahen, dass es der Wolf war. Sie machten die Tür nicht auf. Das war das Richtige.
Der Wolf überlegte. Er hatte gehört, man könne Kreide fressen und dann eine feine Stimme bekommen. Er fraß Kreide. Die Kreide schmeckte, wie Kreide schmeckt. Er musste sofort kotzen. Danach hatte er großen Durst.
Neben der Mülltonne stand eine Bierflasche. Sie war halb leer, oder halb voll, das ist egal. Der Wolf trank sie aus.
Das war ein Fehler.
Der Wolf war Alkoholiker. Er war seit vier Jahren trocken gewesen. Vier Jahre, zwei Monate und elf Tage, wenn man es genau nimmt. Man soll es nicht genau nehmen.
Er stahl eine Flasche Schnaps aus dem Laden um die Ecke. Dann noch eine. Dann Korn, weil der Schnaps alle war. Er torkelte die Straße entlang und fand sich irgendwann wieder vor dem Haus der Geiß.
Die Geiß war inzwischen heimgekommen. Sie öffnete die Tür und sah den Wolf.
Der Wolf schwankte. Er roch nach Korn und Reue und irgendetwas Vertrautem.
Die Geiß dachte an ihren Mann. Ihr verstorbener Bock hatte genauso gestanden. Genauso geschwankt. Genauso gerochen. Er war auch am Alkohol gestorben, aber das ist eine andere Geschichte, und keine bessere.
Sie ließ den Wolf herein. Sie wusste selbst nicht genau warum.
Der Wolf legte sich ins Bett und schlief.
Als er aufwachte, war er nüchtern. Das Nüchternsein erinnerte ihn daran, dass er ein Wolf war. Er beschloss, die Geiß und die sieben Geißlein zu fressen.
Da trat das jüngste Geißlein vor. Es sagte nichts. Es stellte nur eine Flasche Wodka auf den Tisch. Die Flasche gehört hatte dem alten Bock.
Der Wolf sah die Flasche an. Die Flasche sah den Wolf an.
Er griff zu.
Das jüngste Geißlein holte dann noch einen Tropf. Es legte dem Wolf eine Kanüle in die Pfote, während er schlief, sehr geschickt für ein Geißlein. Der Wodka lief langsam und gleichmäßig.
Von da an lag der Wolf im Bett. Er war permanent besoffen. Ab und zu, wenn er wach wurde und halbwegs nüchtern, vögelte er die alte Geiss und griff danach wieder zur Flasche.
Die Geiß erinnerte sich dabei immer an ihren Mann.
Es war nicht dasselbe. Aber es war auch nicht nichts.
Übrigens hatte sich herumgesprochen, dass im Haus auch jetzt ein Wolf lebt. Die Zeugen Jehovas klopften seitdem nicht mehr an die Tür.

Zugriffe gesamt: 10