Sehen

Der Wolf und die sieben Geißlein - Die OnlyFans-Variante

Peter Muschke

Der Wolf war arbeitsscheu.
Das war bekannt.
Er war stolz darauf.
Manche sagten,
er sei sehr stolz darauf.

Der Wolf selbst sagte,
er sei außerordentlich stolz darauf.
Das stimmte.

Eines Tages erfuhr der Wolf,
dass die alte Geiß
sieben junge Geißlein hatte.

Die Geißlein waren attraktiv.
Alle sieben.

Der Wolf überlegte.
Er überlegte Folgendes:

Möglichkeit Eins: Er frisst die sieben Geißlein.
Das geht schnell.
Dann ist es vorbei.

Möglichkeit Zwei: Er schleust die sieben Geißlein
auf eine Plattform für Erwachsene,
kassiert fünfzig Prozent der Einnahmen
und tut dabei nichts.

Der Wolf entschied sich
für Möglichkeit Zwei.
Das war naheliegend.

Als die alte Geiß das Haus verlassen hatte –
sie hatte vorher gesagt:
lasst den Wolf nicht rein –
klopfte der Wolf an die Tür.

Die Geißlein machten nicht auf.
Der Wolf klopfte nochmals.
Die Geißlein machten wieder nicht auf.

Der Wolf sagte durch die Tür:
Ich bin nicht hier,
um euch zu fressen.
Ich bin hier,
um euch zu Stars zu machen.

Das kleinste Geißlein fragte:
Auf welcher Plattform?

OnlyFans, sagte der Wolf.

Was ist OnlyFans, fragte das kleinste Geißlein.

Der Wolf erklärte es.
Das dauerte eine Weile.

Die anderen sechs Geißlein
hörten durch die Tür zu.
Dann machten sie auf.

Der Wolf trat ein und erklärte die Konditionen.

Fünfzig Prozent der Einnahmen
gehen an ihn.
Er übernimmt Management,
Branding
und die Einrichtung des Accounts.

Die Geißlein nickten.
Sie hatten einen angeborenen Zug nach Höherem.

Außerdem wussten sie nicht genau,
was Branding bedeutete,
aber es klang bedeutsam.

Innerhalb von drei Wochen
hatten alle sieben Geißlein zusammen
vierhundertzwanzigtausend Abonnenten.

Der Wolf kassierte fünfzig Prozent.
Er tat nichts.
Das gefiel ihm sehr.

Das kleinste Geißlein rechnete nach.
Es rechnete lange.

Dann schrieb es in seine Community:
Wer möchte den Wolf umbringen?
Ich zahle fünfundzwanzig Prozent meiner Einnahmen.

Ein junger Jäger meldete sich.
Er schrieb:
Ich mache das.
Fünfundzwanzig Prozent ist in Ordnung.

Es klopfte an der Tür.
Der Wolf machte auf.

Der Jäger stand draußen.
Der Wolf sagte:
Guten Tag.

Der Jäger sagte: Geschäft ist Geschäft.

Dann schoss er den Wolf nieder.
Der Wolf war tot.

Der Jäger kassierte ab sofort
fünfundzwanzig Prozent.
Er tat nichts dabei.
Das gefiel ihm sehr.

Das kleinste Geißlein rechnete nach.
Es rechnete wieder lange.

Dann schrieb es in seine Community:
Wer möchte den Jäger
für 15 Prozent meiner Einnahmen beseitigen?

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