Sehen

Die Affäre

Chris Jahoda

Mein Name ist Victoria
und ich bin ein Ladyboy
und ich schulde Ihnen noch das Versprechen,
ein zweites Geheimnis zu offenbaren.

Und je länger ich Ihnen erzähle,
desto mehr bemerke ich,
dass ich noch ein bisschen davon entfernt bin,
Ihnen dieses Geheimnis zu lüften.

Denn ich muss Ihnen erst noch den Weg erzählen,
der mich zum zweiten Geheimnis trieb.

Es war so, dass ich auf eine Ausstellungseröffnung ging,
das heißt,
ich gehe sehr gerne auf Ausstellungseröffnungen,
weil man dort immer neue Menschen kennenlernt,
die sich für Kunst interessieren
und damit natürlich einen gewissen Anspruch haben
und auch ein bisschen Geld,
denn wer sich Kunst leisten will,
braucht ein wenig Kleingeld.

Nun gut, die meisten natürlich verkehrten nicht in den Kreisen,
in denen ich glaubte verkehren zu müssen,
aber es war ein Weg dahin.

Was ich nicht wusste,
war,
dass ich einen Umweg nehmen sollte.

Es war also eine Ausstellungseröffnung,
die sozusagen mein Leben veränderte.

Es war auch eigentlich nicht die Eröffnung,
sondern die anschließende Party,
in die der Galerist uns einlud.

Erst war es ein Restaurant,
wo wir dann an einem langen Tisch saßen.
Ich glaube,
wir waren so zwölf Personen
und danach tranken wir in der Wohnung des Galeristen weiter
und ließen den Abend ausklingen.

Und da lernte ich Johannes kennen.

Johannes war fünf Jahre älter als ich
und auch er gewissermaßen androgyn,
aber auf eine etwas andere Art und Weise.

Ich war feminin androgyn
und er hatte etwas Männlicheres,
aber nicht auf diese brutale Art und Weise.

Auch er hatte weiche Haut,
aber er strahlte eine andere innere Stärke aus,
die ich so nicht kannte
und die ich hochattraktiv und anziehend fand.

Ich weiß nicht, ob er mich durchschaute.

Jedenfalls schleppte er mich ab.
Ich ging bereitwillig mit ihm mit
und wir knutschten schon im Taxi
auf dem Weg zu ihm nach Hause.

Und er war nicht überrascht,
als er zwischen meinen Beinen keine Möse,
sondern einen Schwanz fand.

Er hatte eine Frau erwartet
und bekam untenrum einen Mann,
aber er tat nicht verwundert,
sondern begann sofort an ihm zu rutschen.

Ich dachte, okay,
das fängt ja interessant an.

Das Kreuz an der Sache war jedoch,
dass wir eine Affäre miteinander begannen,
die sehr wild und leidenschaftlich war,
aber er machte mich auch mit Drogen bekannt.

Ich war vorher nur die Hormonpräparate meines Arztes gewöhnt
und jetzt bekam ich auf einmal anderen Stoff.

Ich bin von Hause aus ein experimentierfreudiger Mensch.

Was ich nicht wusste,
war,
dass meine Affäre ein bisschen in Geldnot war.

Drogen sind teuer.
  Und kurze Zeit später war das Erbe aufgebraucht.
  Ich brauchte Geld, um mich und ihn weiter mit Stoff versorgen zu können.
Allerdings war sein Konto genauso leer wie meins.

Und da stand natürlich die große Frage im Raum,
wie geht's weiter?

Und so nähern wir uns langsam
der Offenbarung meines zweiten großen Geheimnisses,
was ich Ihnen in der nächsten Folge präsentieren werde.

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