Sehen

Die Erbschaft

Chris Jahoda

Ich hatte Ihnen beim letzten Mal erzählt,
dass ich ein Ladyboy bin
und Viktoria heiße.

Jetzt möchte ich Ihnen
mein zweites Geheimnis offenbaren.

Allerdings brauchen wir
ein bisschen Zeit,
um dahin zu kommen.

Denn Sie werden sich fragen,
da ich, die mich ja als,
ich sag jetzt mal salopp,
arbeitsscheue Person offenbart habe,
wie komme ich dazu,
teure Operationen zu bezahlen?

Das ist ein Punkt, wo ich Ihnen recht geben muss.

Diese Frage steht im Raum
und ich muss sie Ihnen beantworten.

Ich hatte nach der Schule
und dem obligatorischen Abitur,
das ist ja heute schon gängige Praxis,
und dem Beginn ins Studenten-
und Studentinnenleben,
ja nicht sehr viel Geld,
aber doch einigen Anspruch.

Es ergab sich allerdings,
dass ich eine kleine Erbschaft machte.

Und zwar war eine Großmutter verstorben,
die mir in ihrem Testament
ein bisschen Geld vermachte.

Es war mehr als der übliche Pflichtanteil,
aber ich bekam auch nicht alles.

Sie trug mir auf, dass ich damit mein Studium finanzieren solle.

Was ich zu einem gewissen Teil
auch durchaus gemacht habe.

Aber ich sah natürlich auch die Chance,
meine Transformation in die Person,
die mir vorschwebte,
zu vollenden,
beziehungsweise erst einmal zu beginnen.

Denn das, was ich bisher machen konnte,
war nur die Haare wachsen zu lassen
und eher androgyn zu erscheinen.

Ich bin niemand, der Dinge vortäuscht
und ich wusste,
dass ich lächerlich aussehen würde,
würde ich mich als Junge
wie ein Mädchen anziehen.

Ich wählte daher eher
ein androgynes Aussehen,
das sowohl Mann wie auch Frau
irgendwo mit einschließt.

Die Haare waren lang,
aber so,
dass ich meine männliche Seite halt nicht leugnete.

Das Interessante ist,
dass ich glaube,
meiner Großmutter damit nicht dem Auftrag
zuwidergehandelt zu haben,
weil sie mir einst sagte,
dass ich mich so erschaffen solle,
wie ich es für richtig halte.

Ich soll also nicht
das Produkt meiner Umgebung sein,
sondern ich solle mich selbst neu erschaffen.

Natürlich hatte sie das eher
auf die Universität gemünzt
und nicht darauf,
dass ich mein Aussehen ändere,
aber ich glaube,
wenn ich ihr das erklärt hätte,
hätte sie es verstanden
und akzeptiert.

Von daher nahm ich einen Teil dieses Geldes
und begann es
in die Umwandlung meines Körpers zu stecken.

Ich ging also zu Ärzten,
die mir entsprechende Hormone verschrieben,
damit meine Brüste wuchsen.

Ich hatte zum Glück eh keinen Bartwuchs,
so dass ich damit nicht konfrontiert wurde,
eine Frau mit dichtem Haarwuchs
im Gesicht zu sein.

Die Natur hat wahrscheinlich bei mir
von vornherein so etwas schon angelegt.

Natürlich blieb das an der Universität nicht verborgen,
dass ich Schritt für Schritt
und peu à peu
immer weiblicher wurde.

Aber wir lebten dort in einer Zeit,
in der so etwas nicht als anstößig
oder verurteilenswert galt,
sondern im Gegenteil,
ich wurde als fortschrittlich gepriesen
und man stellte mich als leuchtendes Beispiel dafür hin,
dass ich mich nicht scheue,
mich zu meiner wahren Identität zu bekennen.

Ich habe Ihnen versprochen,
dass es noch ein zweites Geheimnis gibt
und ich muss Sie vertrösten
aufs nächste Kapitel.

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