Sehen

Die Erstbeste

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Nachts sind alle Katzen grau.
Er lief spät abends auf der Straße entlang,
die ihm vertraut war.
Heute allerdings ging er sie weiter –;
bis zum Kai,
dort wo sie immer stehen.
Ihm war heute so danach.

Er war den ganzen Tag schon unausgeglichen,
irgendwie frustriert
und wollte seine Stimmung heben.
Seit fast einem halben Jahr lebte er allein,
seit ihn Anja verlassen hatte.
So lange schon ohne eine Frau.
Das war gar nichts für ihn.

Er war immer mit einer Frau zusammen,
doch das letzte Halbjahr war wie verhext,
er hatte keine neue Freundin für sich finden können.
Verzweifelt,
verflixt verzweifelt war er.
Nervös und alles.

Die Vögel zwitscherten ihm nach.
Im Dunkeln.
Welche Vögel mochten das sein,
so spät?
Vögel – vögeln…

Seine Gedanken verwirrten sich,
nahmen Gestalt an
in Form von Frauen,
von Frauen die er…
Es war wie eine Obsession.
Ja, Zwangsvorstellungen waren das.

Eine ganze Parade von Frauen
kamen ihm im Sinn.
Vor allem angesichts dessen,
was er zu erwarten hoffte,
dort am Kai,
da, wo sie immer stehen.

Eine seltsame Gefühlsverwirrung war das:
Zum einen eine Art vorfreudige Stimmung
auf das – ja,
auf das da am Kai –,
und zum anderen die innere Aufgeregtheit,
die einherging
mit dem Hin und Her von –
werde ich´s tun,
oder werde ich´s nicht tun?

Er war nur ein einziges Mal
bei einer solchen Frau gewesen.
Das war aber in einer fremden Stadt,
irgendwo in Norddeutschland.
Auch eine Hafenstadt,
aber welche war das noch?
Und lang ist´s her.

Egal, er war jetzt gleich da.
Am Kai.
Ja, und da stehen sie auch schon.
Es ist gottseidank dunkel.

Hier wird ihn wohl hoffentlich keiner bemerken,
oder erkennen.
Vom Kollegium.
Das wäre die Höhe der Peinlichkeit.

Wow, sehen die scharf aus.
Ich platze ja gleich… –

Eine der dunklen weiblichen Gestalten
machte jetzt einen Schritt auf ihn zu.
Eine Zigarette im Mundwinkel,
fragte sie ihn,
ob er nicht zu ihr rauf wolle.

Hm… gleich die Erstbeste nehmen?
Ich kann sie auch gar nicht richtig sehen.

In dem spärlichen Laternenlicht erkennt er zwar,
daß sie sehr sexy gekleidet ist,
aber Gesicht,
Figur,
Busen und Näheres,
kann er nicht so recht erkennen.

Er käme gleich wieder,
er wolle nur noch ein paar Schritte weiter…
also bis gleich.

Das kam natürlich bei ihr nicht so gut an,
und ihre Enttäuschung unterdrückte sie
in einem „So gut wie bei mir,
wirst du es bei keiner finden!“

Doch er ließ sich nicht beirren
und schritt weiter den Kai entlang,
schaute sich die nächsten Frauen an
und wurde langsam etwas weniger nervös.

Die anderen Männer die dort ebenfalls suchend
und glotzend flanierten,
versuchte er zu ignorieren
und keinen von ihnen anzuschauen.

Fast eine jede Frau sprach ihn an
und wollte ihn genauso zu sich hereinbekommen
wie die erste.

Die Qual der Wahl quälte ihn
und er schritt langsam wieder zurück.
Keine einzige der Frauen
konnte er genau sehen.
Zu duster war das Licht.

Am Ende ging er wieder auf die Erste zu,
sprach sie an
und sie einigten sich,
was Leistung und Preis betraf.

So stieg er mit ihr
eine enge Treppe
zu ihrem kleinen Gemach herauf,
zahlte,
und fühlte sich zunehmend beklommen
und mußte schließlich auch noch erkennen,
daß er am liebsten auf der Stelle
wieder heim wollte.

Denn als sie ihn bat sich auszuziehen
und sich auf´s Bett zu legen,
während sie sich entkleidete,
sah er sie jetzt genau:

Puh, ein solch verlottertes,
verlebtes und heruntergekommenes
weibliches Individuum,
hatte er noch nie gesehen.

Zudem waren ihre Gebärden
sowas von ordinär,
ihre Stimme mit übelster Vulgär-
und Gossensprache durchzogen,
daß er schon…

Aber da stand sie auch schon nackt vor ihm,
schubste ihn sanft auf´s Bett
und fingerte mit einem Kondom
an seinem Glied herum.

Jetzt sah er ihre großen schweren Hängebrüste
sich bewegen
und er sah auch ihr stark vorgerücktes Alter,
und sah in ihr Gesicht.

Ein Gesicht, das irgendwann sogar einmal hübsch gewesen sein mochte,
aber jetzt…

Ob sie drogensüchtig ist?
Was blieb ihm übrig?
Er fügte sich in die Situation.

Schloß beim Akt seine Augen,
ließ machen und machte auch,
und dann war es auch schon vorbei.

Die Abschiedsworte und Gesten waren verhalten,
und so schlich er sich verstohlen
aus ihrem Zimmer,
aus diesem seltsamen Haus,
von diesem Teil der Straße am Kai,
und gelangte schließlich zu sich nach Hause.

Dort ging es ihm nicht besser als zuvor.
Vielleicht schlechter?

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