Sehen
Die Kälte des Sex
Die letzten Male,
die wir uns treffen,
will ich nur noch ganz nah an ihm liegen.
Ich bin dicht an seinen Körper gepresst,
nicht mal mein Kopf liegt auf seiner Schulter,
das ist zu klischeemäßig.
Ich liege einfach an ihm
und spüre seine Haut,
denn er ist immer schnell nackt,
nachdem er mein Apartment betreten hat.
Ich trage ein Sommerkleidchen,
das auch genügend Haut frei lässt,
um sich gegenseitig zu fühlen.
Ich will ihn gar nicht loslassen.
Ich will ihn nicht verlieren.
Ich will seine Liebe in mich dringen lassen.
Ich weiß nicht, dass es die letzten Male sind,
die wir uns treffen.
Zumindest nicht im Kopf.
Aber irgendwo in mir muss ich es wissen,
denn ich habe Angst,
ihn auch nur loszulassen.
Aber er ist ja nicht hier,
um einfach nur dazuliegen.
Er ist da,
um „mir Freude zu machen“,
wie er es nennt.
Allein für dieses Ziel
leckt er sehr geduldig,
bis ich es endlich geschafft habe.
Aber heute will ich ihn nicht weglassen
von meiner Seite.
Allein wenn er seinen Kopf wegbewegen würde
von meinem,
nach unten,
zwischen meine Beine,
wäre er mir zu weit weg.
Ich würde da oben frieren
vor Einsamkeit.
Ich wäre schutzlos und ausgeliefert.
Ich möchte mich an diesem Tag auch nicht
gefühlsmäßig von ihm wegbewegen.
Ich möchte keinen einsamen Orgasmus haben.
Ich möchte gar keinen haben,
denn in diesem würde ich von ihm fort fliegen
und danach würde ich es ihm so machen müssen,
wie er es am besten kann:
Blasen.
Er mag es zärtlich,
langsam,
das kam mir immer entgegen,
denn so kann ich auch meine Gefühle hineinlegen.
Ich hasse dieses harte Zupacken,
das viele Männer brauchen,
sie drücken meine Finger zusammen
und schieben sie fest hoch und runter.
So bin ich aber nicht.
So will ich nicht.
Ich will mit meiner Zunge sanft
auf seiner Eichel spielen,
so sanft und langsam,
bis er schwerer atmet.
Das muss er aushalten.
Denn in diesem Blasen steckt meine Liebe,
meine ganze Liebe.
Aber heute kann ich auch das nicht.
Ich kann mich nicht von seinem Kopf entfernen.
Ich kann nicht so weit weg von ihm
da unten an diesem Stab herummachen.
Vielleicht möchte ich heute ganz anderen Sex.
Möchte,
dass er mich gefühlvoll küsst,
er legt sich auf mich
und schiebt ein Teil von sich liebevoll in mich hinein
und wir wollen beide überhaupt keinen Orgasmus,
wir wollen nur zusammen sein,
uns festhalten aneinander,
und uns nie mehr verlassen.
Aber in Wirklichkeit ist er schon weg.
Er wird nur noch zwei, dreimal kommen.
Er wird nicht ganz bei der Sache sein.
Er ist schon woanders.
Und dann beim letzten Mal
klingelt plötzlich das Telefon,
er geht dran.
Vielleicht ist es seine Frau,
das wäre das geringere Übel.
Vielleicht ist es meine Konkurrentin.
An diesem Nachmittag im Oktober war Schluss.