Sehen

Die Klette von der Hausparty

Charles Haiku

Thomas steht auf dem Balkon,
raucht schon die dritte,
obwohl er sich vorgenommen hat,
bei zwei aufzuhören.
Die Party drinnen ist so eine,
bei der man niemanden kennt,
aber trotzdem bleibt,
weil Weggehen peinlicher wäre
als Bleiben.
Er fingert in der Hosentasche
nach dem Feuerzeug,
findet nichts,
flucht leise.
Neben ihm lehnt eine Frau
am Geländer,
schaut ihn an,
als hätte sie den Fluch gehört
und darauf gewartet.
„Hast du Feuer?“ fragt er,
mehr aus Reflex
als aus Bedürfnis.
Sie lächelt,
dieses Lächeln,
das sagt: ich hab dich erwartet.
„Klar.
Ich wusste,
dass du mich ansprichst.“
Er nimmt das Feuerzeug,
zündet an,
inhaliert,
gibt es zurück.
„Danke.“
Sie steckt es nicht weg.
Stattdessen dreht sie sich ganz zu ihm,
lehnt sich mit dem Rücken ans Geländer,
als wäre der Balkon jetzt ihr Revier.
„Ich bin Nadine.“
„Thomas.“
Und damit ist es passiert.
Ab da liest sie
jedes seiner Worte falsch.
Er sagt „ich geh mal kurz rein“,
sie hört „komm mit“.
Er schweigt,
sie deutet es
als spannungsgeladenes Schweigen.
Er nimmt noch einen Zug,
sie kommentiert
„du rauchst zu viel,
das ist süß“.
Er lacht nicht,
weil er nicht weiß,
ob es ein Witz war,
und sie denkt,
das Lachen sitzt ihm im Hals fest
vor Aufregung.
Im Wohnzimmer stellt sie sich neben ihn
ans Buffet,
nimmt denselben Löffel
für den Dip,
wischt ihn demonstrativ
an ihrer Serviette ab,
bevor sie ihn ihm reicht.
„Für dich.“
Er nimmt ihn,
weil er nicht unhöflich sein will.
Sie strahlt.
Er stellt den Teller weg,
ohne zu essen.
Sie denkt,
er ist nervös.
Er denkt,
er muss hier raus.
An der Garderobe zieht er
seine Jacke an.
Sie steht schon da,
Mantel über dem Arm.
„Gehst du?“ fragt sie.
Er nickt.
„Ich auch.“
Er sagt nichts dazu.
Im Treppenhaus fragt sie
nach seiner Nummer.
„Falls wir uns mal wiedersehen.“
Er diktiert sie,
weil er hofft,
dass sie sie nie benutzt.
Sie tippt sofort eine Nachricht:
„War schön,
dich kennenzulernen.
Nadine :)“
Er starrt aufs Display,
während der Fahrstuhl nach unten fährt.

In den nächsten Tagen kommen Nachrichten.
„Was machst du gerade?“
„Denkst du an gestern?“
„Haha, ich hab gerade
an deinen Gesichtsausdruck gedacht,
als du das Feuerzeug gesucht hast.“
Er antwortet minimal.
„Bei der Arbeit.“
„Ja.“
„Haha.“
Je kürzer er schreibt,
desto enthusiastischer wird sie.
Sie schickt Fotos
von ihrem Frühstück,
von ihrem Hund,
von einem Buch,
das sie liest
und in dem angeblich Sätze stehen,
die „genau zu uns passen“.
Er liest keins davon.
Nach zwei Wochen fragt sie,
ob sie sich treffen wollen.
Er sagt,
er hat viel um die Ohren.
Sie schreibt:
„Verstehe.
Du bist so beschäftigt,
das finde ich total sexy.“
Er starrt wieder aufs Handy,
löscht die Antwort dreimal,
bevor er gar nichts schickt.
Irgendwann lädt sie ihn zu sich ein.
„Meine Mutter kocht super Lasagne,
du musst kommen.“
Er erfindet einen Termin.
Sie schreibt zurück:
„Schade.
Sie würde dich mögen.“
Er fühlt sich schuldig,
obwohl er nichts gemacht hat.
Die Schuld macht ihn noch höflicher.
Er antwortet wieder.

Monate später steht er
bei einer anderen Party wieder
auf einem Balkon.
Dieselbe Marke Zigaretten,
dieselbe leere Hosentasche.
Nadine ist nicht da.
Er sucht trotzdem
nach dem Feuerzeug,
findet es diesmal sofort.
Er zündet an,
nimmt einen Zug,
schaut auf die Glut.
Dann drückt er die Zigarette aus,
zerdrückt sie am Geländer,
lässt den Rest fallen.
Er geht rein,
holt seine Jacke,
verabschiedet sich von niemandem Bestimmtem
und verlässt die Wohnung.
Im Treppenhaus zündet er sich
keine neue an.
Er denkt:
das war’s jetzt.
Nicht dramatisch.
Kein großer Moment.
Nur ein Feuerzeug,
das endlich in der Tasche bleibt.
Und das Schweigen,
das er diesmal nicht erklären muss.

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