Sehen

Die Kunst des Lächelns

Charles Haiku

Lena trat in die Abteilung
wie in ein warmes Bad.
Alle nickten freundlich,
und sofort fiel Sabine auf
– die Frau mit dem
ewigen Lächeln,
die Kaffeetassen füllte
und nach Wochenenden fragte.
„Willkommen, Liebes“, sagte sie
und drückte Lena einen
Stapel Ordner in die Hand.
„Falls du Fragen hast,
ich bin da.“
Es fühlte sich an
wie eine Umarmung.

In den ersten Tagen
war Sabine Gold wert.
Sie flüsterte Tipps zu Meetings:
„Der Chef mag es knapp,
aber du schaffst das.“
Lena nickte dankbar,
ignorierte das leichte Ziehen
in der Magengrube.
Beim ersten Projekt lobte Sabine:
„Toll, wie du das
angepackt hast –
für jemanden, der neu ist.“
Die Kollegen lachten,
Lena errötete.
War das ein Kompliment?

Langsam knackte die Fassade.
In der Pause:
„Dein Bericht ist super detailliert
– nicht jeder braucht so viel Erklärung.“
Lena spürte den Stich,
lächelte aber mit.
Beim nächsten Mal:
„Ich helfe dir gerne
beim Formatieren,
manche greifen da noch daneben.“
Die anderen nickten,
als wäre es normal.
Lena fragte einen Kollegen:
„Ist Sabine immer so...
spitz?“
Er lachte:
„Spitz? Sie ist die Netteste hier!“
Die Zweifel wuchsen.
Sabines Hilfsbereitschaft fühlte sich
wie ein Netz an,
das enger wurde.
„Du siehst müde aus
– zu viel Privatstress?“
fragte sie vor allen.
Lena murmelte:
„Geht schon.“
Innerlich brodelte es.
Wie konfrontiert man jemanden,
der immer lächelt?

Der Höhepunkt kam
in der Teeküche.
Lenas Präsentation war schiefgelaufen
– ein technischer Patzer.
Sabine legte die Hand
auf ihre Schulter:
„Mach dir nichts draus,
nicht jeder passt perfekt
in so eine Rolle.
Das ist okay.“
Ihr Lächeln war weich,
fast mütterlich.
Lena starrte in die Tasse,
spürte den Riss.
Kein Schreien, kein Gift
– nur dieses Lächeln,
das alles vergiftete.

Monate später stand Lena
vor dem Spiegel.
Sie übte:
„Toll, wie du das hingekriegt hast
– für deine Erfahrung.“
Der Ton war warm,
der Blick sanft.
Es saß.
In der Abteilung lächelte sie
nun selbst so.
Und die Neue?
Die würde es bald lernen.

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