Sehen

Die Kurschatten-Vorhersage

Claudia Carl

Da wirst du ja viele Kavaliere kennenlernen.
Da wirst du ja sicher einen Kurschatten haben.
Da geht doch was.

Ja, wer gesund ist,
dem scheint die Aussicht,
drei Wochen mit Männlein und Weiblein
in einem Gebäude zu verbringen,
aus dem niemand flüchten darf,
wie eine Garantie für Erotik.

Betten gibt es dort ja genug,
in jedem Zimmer eines,
insgesamt 220 Stück.

Keine Doppelzimmer behindern freie Entfaltung,
sondern eigene Intimität
ist in den eigenen vier Wänden garantiert.

So schaut sich Frau dann eben um
nach Kandidaten für einen Kurschatten
im Orthopädischen Reha-Zentrum.

Ein süßes Lächeln hat der schlanke Mann
mit dem Käppi,
der jeden Abend an der Bar ein Bier trinkt.

Mit Alkohol trotz Schmerztabletten fragt man sich.
Aber vielleicht ist es ja auch alkoholfrei.

Die Zigaretten, die er regelmäßig im kleinen Häuschen
vor dem Gebäude raucht,
sind aber sicher nicht nikotinfrei.

Sein Hinken ist verdammt einseitig,
und das obwohl er schon zwei einhalb Wochen hier ist.

Die Zeit läuft also sowieso.
Er verkündet,
dass er Verlängerung beantragt hat.

Aber vielleicht muss er auch wieder in die Klinik.
Denn zu seiner neuen Hüfte
kam unverhofft ein Schaden am Fußgelenk.

Verlängerung abgelehnt,
ciao,
alles Gute.

Ganz ehrlich, die Frage,
welche Sexpraktik man wie mit ihm hätte ausüben können,
blieb bis zuletzt unbeantwortet.

Er linke Hüfte, ich rechte Hüfte,
knieen ist verboten,
Biegung der Beine um mehr als 90 Grad gefährlich.

Drehen des operierten Beines ebenfalls gefährlich.

Es bestünde die Möglichkeit,
dass ich mich mit einem Kissen zwischen den Beinen
nach links drehe
und ihm meinen Arsch zuwende.

Auf der schmalen Reha-Pritsche
dürfte das aber Rausfall-Gefahr beinhalten,
vor allem,
wenn von hinten jemand drückt.

Der aber auf seiner linken Hüfte
nicht schmerzfrei liegen kann
und wohl auch für die geile Aussicht
auf meinen nackten Arsch
nicht die Auskugelungsgefahr des künstlichen Gelenks
riskieren möchte.

Angesichts meiner bisherigen nächtlichen Anstrengungen,
mich auf die linke Seite zu legen
dürfte mein Stöhnen dabei eher nicht sexy
auf ihn wirken.

Aber wie wäre es denn mit einem Knie?

Ein Mann mit neuem Knie,
beispielsweise der 1,90 Meter große Grieche
an unserem Esstisch im Speisesaal,
der käme vielleicht in Frage.

Er hat Humor und flirtet durchaus,
hat aber jede Nacht starke Schmerzen.

Wie könnte man es mit ihm treiben?
Er könnte möglicherweise knien,
mit doppelter Dosis Tilidin intus.

Ich könnte vor ihm knien,
aber nur,
wenn ich streng und strikt die 90 Grad einhalte.

Erschütterungen gegen mein neues Hüftgelenk
wären vermutlich eher unangenehm.

Wie wäre es dann, wenn er sich einfach auf den Rücken legt,
bekanntlich die liebste Stellung jedes Mannes,
und ich mich mit seinem vermutlich sehr langen Schwanz befasse?

Man könnte das verstellbare Bett hochfahren,
so dass ich den 90 Grad Winkel meiner Beine
nicht überschreite.

Aber ganz ehrlich, lange kann ich noch nicht stehen.
Und ob er so schnell kommen kann?

Wie wäre es dann mit einem Wirbelsäulenpatienten?

Das sind die im Haus,
die gerade aufgerichtet herum schreiten,
als fehle ihnen überhaupt nichts.

Keine Krücken, kein Hinken,
nur eine versteifte Wirbelsäule.

Mit einer solchen kann der Mann vermutlich nicht
auf mir herumturnen.

Ich darf sowieso die Beine nicht breitmachen.

Wie wär s mit Lecken bei geschlossenen Beinen?

So kann ich eh viel besser zum Orgasmus kommen,
dabei den Finger des Mannes in mir,
der sich in einem gleichmäßigen Rhythmus bewegt.

Aber wie soll er liegen oder sitzen oder stehen?
Auf der Seite?
Vor dem Bett knien?

Als einzige Intimität der drei Wochen
stellt sich dann die zu dem kleinen Dicken raus,
der das Zimmer neben mir bewohnt.

Er schnarcht und rotzt und niest so laut,
dass es die hellhörige Wand problemlos durchdringt,
als läge er genau neben mir.

Zum Glück war er wohl zum Wichsen noch zu schwach.
Fuck.

Eine Reha Anstalt ist eben doch kein Swingerclub.

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