Sehen
Die Literarische Soiree bei Baron Vogelheim, letzten Dienstag, am 5. Mai 1902
Die beiden Leutnants Malte Becks
und Winfried Strack waren gute Freunde.
Strack vertraute sich seinem Freund in
einer heiklen Sache an.
Er sei von
der Familie seiner Verlobten Ida bis auf
die Knochen beleidigt worden.
Idas Vater,
hatte ihn,
als er sich förmlich in ihrem
Hause vorstellte,
vor
der versammelten Gesellschaft
der adeligen Familie bloßgestellt
und ihm
die Tür gewiesen.
Von einer Verlobung,
wollte die Familie nichts mehr wissen.
Das sollte Konsequenzen haben.
Strack besprach sich mit Leutnant Becks eingehend
und beide machten sich tags darauf
auf den Weg zum besagten Haus.
Die stattliche Villa war von weither bekannt
und nur ein erlesener Personenkreis hatte
Zugang zum Hause des Barons von
Vogelheim.
Heute sollte wieder eine erlesene Abendgesellschaft
gegeben werden.
Nach dem Essen sollte eine literarische
Soiree gegeben werden.
Das hatte Leutnant Strack noch durch
Ida erfahren.
Beide Leutnants
–
in Galauniform
–,
gingen zielgerichtet auf
das Eingangsportal
der Villa Vogelheim zu,
läuteten und ließen sich melden.
Nach kurzer Zeit kam
der Bedienstete zurück
und meldete,
sie können leider nicht vorgelassen werden,
es finde heute eine Abendgesellschaft statt,
die nur auf persönliche Einladung Zugang gewähre.
Damit stieß Leutnant Strack
die Tür mit dem Stiefel auf,
nachdem er den Bediensteten beiseite gedrückt hatte
und schritt mit Leutnant Becks geradewegs
zum Salon,
der mit vornehmsten Menschen unterschiedlichster Couleur,
gefüllt war.
Alle staunten die beiden Leutnants an,
und der Herr des Hauses,
Baron Vogelheim,
rief entrüstet: „Was wagen Sie…
Hinaus!“
–
Doch Leutnant Strack zog in diesem
Moment eine Duellpistole,
ebenso wie Leutnant Becks
–,
und beide zielten ihre Pistolen auf
die Gesellschaft,
wobei Strack laut aufforderte: „Alle alles ausziehen!“
Kein Mensch verstand was
das zu bedeuten hatte.
Strack mußte seine Forderung lauter
und deutlicher wiederholen: „Alle hier im
Saal ziehen ihre Kleidung sofort aus,
bis alles hier nackt vor uns steht!
Mit Ausnahme von Ida,
die kommt zu uns.“
Ida schritt im selben Moment auf
ihren Leutnant Strack zu
und warf sich ihm in
die Arme.
Jetzt ging ein unheimliches Raunen durch
die Menge,
und einige Damen schrien auf.
Frau von Hüster,
die dicke Bürgermeisterin,
wollte jedoch in Ohnmacht fallen.
Doch leider stützte sie ihr Gatte,
der Bürgermeister
und richtete
die Umsinkende wieder auf.
Ein Tumult sondergleichen wollte sich weiter ausbreiten
als diesmal Leutnant Becks
das Wort ergriff
und rief: „Alles ausziehen,
oder es gibt einen erste Leiche!“
Das schien gesessen zu haben.
Es wurde still im Saal
und ein verhaltenes Rascheln von Kleidern
und Fräcken wurde vernehmbar.
Strack
und Becks machten es sich derweil
auf einem Kanapee bequem,
fuchtelten weiterhin grimmig mit ihren Pistolen,
waren aber ansonsten guter Laune.
Sie tuschelten sogar miteinander,
während die ängstliche Gesellschaft weiterhin beschäftigt war,
sich ihrer Kleidung zu entledigen.
Doch wie oberpeinlich war das Ganze.
Die Damen genierten sich ungeheuer
und mußten immer wieder von Strack
und Becks neu aufgemuntert werden sich
nackig zu machen,
und die Herren,
aus den obersten,
teils auch adeligen Gesellschaftsschichten,
wußten zwischen Erschütterung,
Angst und Auflehnung,
nicht was sie tun sollten.
Doch
die Angst um ihr Leben bewegte sie,
der Forderung der Leutnants nachzukommen.
Zu glaubwürdig war
die Forderung von Leutnant Strack.
Dem ist alles zuzutrauen.
So dachten viele.
Durch
das Aufschnüren
der Korsetts dauerte
die Entkleidung
der Damen selbstverständlich weitaus länger,
als die der Herren,
und so kam es,
daß etwa 15 nackte Männer unterschiedlichsten Alters,
15 Damen beim gegenseitigen Auskleiden,
teils mit Hilfe der weiblichen Bediensteten,
ansehen mußten.
Denn keine von ihnen konnte sich
allein ausziehen.
Das galt natürlich auch für die Bediensteten,
die sich ebenso nackt ausziehen mußten
–,
denn Leutnant Strack sagte laut
und deutlich: „ALLE.“
Der aufregend-angsterfüllte Tumult ging noch etwa
für 20 Minuten unter Jammern,
Heulen und Schimpfen weiter,
bis endlich die ganze Gesellschaft
–
inklusive der weiblichen und männlichen Dienerschaft,
splitternackt vor Leutnant Strack,
Leutnant Becks und Ida standen,
die weiterhin vergnüglich auf dem Kanapee saßen.
„Herr und Frau Vogelheim,
bitte vortreten!“
Das war zuviel für Baron Vorgelheim.
Er schritt auf Strack zu
und wollte etwas ausrufen,
doch seine Frau unterbrach ihn: „Alfred,
nicht doch,
laß es,
vielleicht will Leutnant Strack ja nur…“
Doch hier wurde sie mit einem
Lachanfall von Leutnant Strack unterbrochen,
der mit dem Zeigefinger auf ihre
hängenden Brüste wies
und dem Baron eine diesbezügliche anzügliche
Frage stellte.
Überhaupt sah
das gesamte Bild
der vornehmen nackten Gesellschaft urkomisch aus
und reizte mehr zum Lachen
als
daß es eine Tragik inne hätte.
Wie es weiter ging?
Ich habe diese Geschichte gestern erst geschrieben
und heute meinem Freund Torsten,
dem Filmregisseur gezeigt,
mit
der Frage: „Könntest du daraus nicht
eine Verfilmung machen?
Da steckt doch bestimmt ein Kassenschlager drin,
oder?“
–
„Ja,
durchaus,
da könntest du recht haben.“