Sehen

Die Marquise

Ferdinand Freiherr von der Ferne

Die junge Marquise hatte nachgedacht.
So wollte schließlich auch
auf ihre Kosten kommen.

Ihr Gatte, der Marquis von A.
hatte Mätressen und fischte sich
noch zudem Bauernmädchen, Zofen
und andere ihm untertänigst dienende
junge Frauen und Mädchen
aus dem Volk heraus –;
je nach seinem Belieben.
Seine Dienerschaft führte ihm diese
willkommenden Abwechslungen neben seinen Mätressen,
regelmäßig zu.
Der Marquis hatte seit langem
keinerlei Interesse an seiner Ehefrau,
der Marquise.
Diese dachte, wie gesagt, nach.

An Anbetern aus dem Kreis
der Höflinge und üblichen Speichelleckern
fehlte es ihr nicht,
und auch der jüngere Bruder
des Marquis, machte ihr beständig
den Hof,
aber aus diesem unmittelbaren Hofkreis
wollte sie keinen Geliebten für sich.
All diese Männer waren ihr zuwider.
Sie wollte einen Mann der sich
wirklich für sie interessierte,
sie wollte einen Hauch von Liebe spüren –
wenigstens einmal im Leben.

Sie las viel, gute, anspruchsvolle Literatur –
über das Verhältnis von Mann und Frau,
über die Gepflogenheiten dazu
und über den Stand und das Ansehen
der Frau.
Jahrtausendealtes Patriarchat hat hierzu
den größten Schaden angerichtet.
Und die menschlich allzu dumme Formel
von „Der Stärkere siegt über den Schwächeren“,
die sich allein auf die körperliche Stärke bezieht,
war mehr als abscheulich.
Aber so tickte nunmal die Welt
seit alters her –;
aber wie lange eigentlich noch…?

Nun denn, die Marquise wollte
die Liebe erfahren.
So fuhr sie mit ihrem vertrautesten Hoffräulein
und einem Diener dem sie absolutes Vertrauen schenkte,
übers Land und in kleinere Städte.
Dort vermutete sie anders geartete junge Männer,
die anders als die in den großen Städten
sich gebärdeten.
Sie unterstellte ihnen eine weniger verdorbene Art
des Umganges mit Frauen.
Doch leider war es am Ende doch nicht viel anders
als mit den Männern der Metropolen.
Dazu reichten nicht viel mehr als zwei Wochen
intensiver Recherche –
in Gasthäusern, Schankwirtschaften und Privathäusern
in denen sie sich Zugang zu verschaffen wußte.
Was nun? –

Da kam ihr vor einem Gasthof
ein junger Mann entgegen,
der wunderschön anzuschauen war,
und der, der Marquise ansichtig,
sich in keinster Wiese beeindruckt zeigte,
ob ihrer Eleganz und offensichtlichem Reichtum.
Er ging einfach, mit einer leichten Verbeugung grüßend,
an ihr vorbei.
Die Marquise sah ihm nach
und war ihrerseits beeindruckt.
Ja, den könnte sie sich vorstellen.
Der könnte möglicherweise…
Aber das Hoffräulein gemahnte zum Aufbruch
und der Diener saß schon wartend
auf dem Kutschbock –, zudem neige sich der Tag
und die Dunkelheit würde in Kürze einbrechen.

„Halt, einen Moment!“ befahl die Marquise
und tippelte dem schönen jungen Mann hinterher,
der gerade um die Hausecke verschwand.
„He du! Warte einmal…!“
Der Ausruf der Marquise ließ den jungen Mann tatsächlich
an der Hausecke wieder auftauchen
und schaute verblüfft in das Antlitz der Marquise.
„Meinten Madame mich?“ –
„Ja, ich meinte dich, komm einmal her!“
Der junge Mann tat wie ihm geheißen,
und die Marquise machte ihm ein Angebot,
was er – nach kurzer Beratung mit sich selbst –,
unmöglich ablehnen konnte.

Als er sich einverstanden erklärte,
nahm die Marquise den jungen Mann sogleich
in ihrer Kutsche, mit zugezogenen Vorhängen, mit,
und befahl Station zu machen
in das berühmte Hotel A. in G. –
Auf der Fahrt, die nicht länger als eine gute Stunde dauerte,
erlaubte sich die Marquise Anzüglichkeiten verbaler
und auch tätlicher Art.
Der junge Mann ging erfreulicherweise dankbar darauf ein.
So schien es jedenfalls der Marquise.
Doch er traute sich diese Zudringlichkeiten nicht zu erwidern,
da er sich extrem beklommen fühlte.

Eine viertel Stunde vor dem Erreichen des Hotels,
saß er im Adamskostüm neben der Marquise,
die ihrerseits auch das meiste abgelegt hatte.
Der junge Mann hatte in einer knappen Dreiviertelstunde
mehr von der körperlichen Liebe gelernt,
als in all den Jahren seit er als Jugendlicher
seine erste nackte Frau erblickte:
seine alte Tante, die sich schamlos vor ihm umzog.

Die Marquise zeigte einen Eifer in ihren Bestrebungen,
die den jungen Mann in Erstaunen brachte,
und als er erfuhr, wohin die Reise ging
und was ihm noch bevor stand,
wurde ihm mulmig-glücklich zumute
und aus Dankbarkeit widmete er sich weiterhin
dem Bereich zwischen den Schenkeln der Marquise –
zunächst mit seinen vollen Lippen und seiner Zunge.
Das Schaukeln der Kutsche unterstützte dabei
das abenteuerliche Unterfangen
in seiner phantasievollen Vorfreude auf Weiteres…

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