Sehen
Die Nacht auf den 1. Mai 1689
Hedwig war gerade mal
17 Jahre alt und ihre
Großmutter drückt sie fest
an sich, um ihr Mut
zuzusprechen.
Jetzt gleich, heute Nacht,
sollte es auch für sie
soweit sein.
Sie hatte schon seit Tagen
mit ihrer um drei Jahre
älteren Freundin Adelheid
gesprochen, sie befragt,
wie das so alles sei.
Aber Adelheid hat sich recht
bedeckt gehalten, hatte nur
gesagt: „Warte ab, es ist
einfach phantastisch!“
Hedwig fegt gedankenverloren
mit dem Besen über die
Holzdielen der Stube,
besieht sich dann den Stiel
des Besens, der aus gutem
Eschenholz gefertigt ist,
und hört durch die Tür
Adelheid rufen: „Heddi, es ist
soweit, komm raus, alle stehen
schon in der Waldlichtung bereit.“
Und tatsächlich, als Hedwig
mit Adelheid und ihrer Großmutter
den großen Waldlichtungsplatz
erreichen, stehen etwa 50 Frauen
im Kreis da und lachen und scherzen
miteinander.
Alle halten ihre Besen vor ihren
Körper aufrecht und begrüßen ganz
besonders Hedwigs Großmutter, die
die älteste Hexe im Kreis ist.
Hedwigs Mutter war auch eine Hexe
gewesen, aber leider wurde sie von
übel gesinnten Dorfmitgliedern
denunziert –; und so wurde sie
eingekerkert, einem peinlichen Verhör
unterzogen und am Ende auf dem
Marktplatz als Hexe verbrannt.
Das war aber schon viele Jahre her
und Hedwig war damals noch ein kleines
Mädchen, und man erzählte ihr, ihre
Mutter sei bei einem Unfall mit einem
Pferdefuhrwerk ums Leben gekommen.
Ihre Großmutter, eine erfahrene Hexe
wie ihre Mutter, hatte sie schließlich
auch als Hexe ausgebildet und Hedwig
wurde schon in jungen Jahren eine der
besten, die sich nicht nur in der Kräuter-
und Heilkunde sehr gewandt und erfahren
zeigte, sondern auch eine ausgezeichnete
Geburtshelferin wurde.
Heute sollte sie ihren Jungfernflug
zum Blocksberg machen dürfen.
Denn heute ist Walpurgisnacht.
In der Kreismitte lodert ein großes Feuer
und Hedwigs Großmutter singt jetzt noch
laut ein Hexenlied in das alle mit
einstimmen, und sie ruft alle auf, zum
Hexenflug auf den Brocken.
Ein herrlicher Ritt mit all den kreischenden
Hexen – und schon sieht Hedwig von oben
die große freie Fläche auf dem Blockberg,
wo auch hier ein großes Feuer lodert.
Aber nicht nur das.
Es liegen viele nackte junge Männer auf
dem Boden, mit erhobenen Händen, als
wollten sie die anfliegenden Hexen
begrüßend erfassen.
Ja, und genau so ist es auch.
Adelheid sagt ihr noch schnell, was es
damit auf sich hat: „Hedwig, hast du etwa
gedacht, daß wir hier dem Teufel in Gestalt
eines Ziegenbocks huldigen, und ihm der
Reihe nach das Afterloch küssen würden?
Nein nein, liebe Hedwig, so blöd ist keine
Hexe, das sind üble Erfindungen von Männern,
die keinerlei Vorstellungen haben, keine
Phantasie und in Hexen nur eine Bedrohung
ihrer kleinlichen Männlichkeit sehen.
Vor allem die Kleriker sind es, die die
schlimmsten Dinge dazu erfinden.
Aber komm, leg dich dazu, such dir einen
ersten aus!“
Jetzt schaut sich Hedwig erst richtig um –
und gewahrt, daß sich nicht nur alle Hexen
nackt ausgezogen haben und eine jede sich
mit einem der jungen Männer vergnügt –, sondern
sie sieht, daß sie alle jungen Männer kennt!
Ja, da ist der junge hübsche Friedrich, der
Sohn des Bürgermeisters, in den sie so verliebt
ist, da ist sein Freund Baldur, der Sohn des
reichen Pferdehändlers, und auch Franz und Johannes,
die Zwillinge des Schullehrers – wunderhübsche junge
Männer… und noch einige andere die sie gleich erkennt
und die sie alle liebend gern einmal geküßt hätte.
Aber was läuft hier tatsächlich ab?
Diese jungen hübschen Männer liegen bei all den Frauen –
bei all den Hexen – und begehen unzüchtige Handlungen!
Und das Tollste ist –, daß wirklich jede Hexe – ob jung oder alt,
ob dick oder dünn, ob häßlich oder schön – es mit den jungen Männern treiben!
Ja, sie machen das miteinander, was Männer und Frauen tun, wenn sie ein Kind wünschen.
„Hedwig, willst du mit mir?“
Der Ruf von Friedrich ist ihr wie ein magischer Befehl dem sie sofort nachkommt.
Sie treibt es mit ihm wie in Trance, wie in einer Ekstase und schert sich nicht im Geringsten
um ihre sonstige Einstellung zu solchen Dingen.
„Aber wie geht das zu, liebe Adelheid?“ fragte sie in einer Pause ihre Freundin.
„Heddi, wir sind Hexen. Natürlich haben wir die jungen Männer alle behext!
Das leisten wir uns halt einmal im Jahr.
Das ganze Jahr über sind wir helfend und heilend für die ganze Dorfgemeinschaft
und auch für all die Menschen im Umland, die in schwierigsten Geburts-Situationen
und Krankengeschichten zu uns kommen, tätig.
Und wir feiern einfach einmal im Jahr – in der Walpurgisnacht uns selbst!
Das haben wir doch verdient, oder?“
Und so geht Hedwig lächelnd und lüstern über den Platz, zieht einen der Zwillinge an sich
und macht mit ihm was sie will.
Und sie will so einiges mit ihm…